1. Chancen identifizieren

Lernen Sie die gesellschaftlichen Herausforderungen kennen und welche Chancen sich Ihnen dadurch für den barrierefreien Tourismus bieten.

1. Chancen identifizieren

Bevölkerungspyramide für das Land Brandenburg in den Jahren 2010 und 2030. Der Anteil älterer Menschen wird deutlich zunehmen. Quelle: LBV Landesamt für Bauen und Verkehr

Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verändern sich. Den Tourismus stellen sie damit vor neue Herausforderungen, bieten ihm aber auch neue Chancen. Vor allem der demographische Wandel als Folge einer alternden Gesellschaft verlangt nach mehr Barrierefreiheit in der touristischen Produktentwicklung und Vermarktung. Service, Komfort und Nutzbarkeit werden für immer mehr Gäste zu unverzichtbaren Qualitätsmerkmalen – auch in der digitalen Welt! Alle touristischen Akteure können von diesem starken und weiter wachsenden Markt profitieren.

2015 unternahmen Menschen mit Einschränkungen bzw. Behinderungen in Deutschland drei Millionen Urlaubsreisen. Es könnten jedoch deutlich mehr sein – vorausgesetzt, es gäbe mehr Angebote sowie transparente Informationen zu deren Zugänglichkeit. Dieses „Mehr“ wünschen sich vor allem ältere Gäste. Denn obwohl sie mit zunehmendem Alter schlechter hören, sehen und gehen, möchten sie weiterhin verreisen und Ausflüge machen. Damit wächst das Potenzial für barrierefreien Tourismus, denn genau diese älteren Gäste über 60 Jahre erreichen als zahlenstarke „Babyboomer“ derzeit peu à peu das Rentenalter. 2030 wird fast jeder Dritte Einwohner Deutschlands (34 %) älter als 60 Jahre alt sein. Bis 2025 prognostizieren Experten jährlich zehn Millionen mehr Kurzurlaubsreisen bei den über 70-jährigen Reisenden.

In einer alternden Gesellschaft wird sich das Nachfragepotenzial nach barrierefreien Angeboten alleine deshalb deutlich erhöhen, weil mit dem Alter Mobilitäts- oder Aktivitätseinschränkungen wahrscheinlicher werden. Barrierefreier Tourismus gehört damit zu den wichtigen touristischen Wachstumssegmenten. Barrierefreiheit ist für etwa 10 % der Bevölkerung unentbehrlich, für 40 % notwendig und für 100 % komfortabel. Konsequent umgesetzt, stellt Barrierefreiheit ein Qualitätsmerkmal dar, das zusätzlichen Komfort und Service in bestehende wie neue Attraktionen und Dienstleistungen integriert. Sie richtet sich nicht nur an Gäste mit einer ständigen körperlichen, geistigen oder Sinnes-Behinderung.

Von einer barrierefreien Infrastruktur und entsprechenden touristischen Angeboten profitieren noch weitaus mehr Menschen. Neben den bereits erwähnten älteren Gästen zählen hierzu Familien mit Kindern sowie die einheimische Bevölkerung – vor allem, wenn man bedenkt, dass in Brandenburg aktuell mehr Menschen mit Behinderung leben als im Bundesdurchschnitt und die Zahl älterer und hoch betagter Menschen deutlich zunehmen wird (siehe Abbildung).

Das Nachfragepotenzial ist also erheblich und unterstreicht, dass dem barrierefreien Tourismus nicht nur eine sozialpolitische Dimension zukommt, sondern dass er ein chancenträchtiger Markt ist. Und dieser Markt ist im Land Brandenburg bereits gut aufgestellt: Auf der Webseite „Brandenburg barrierefrei“ sind bereits über 900 Angebote auf Barrierefreiheit geprüft und informieren ihre Gäste detailliert über ihre Zugänglichkeit.

Sieben gute Argumente für den barrierefreien Tourismus

1. Sicherheit + Komfort = Qualität

Barrierefreiheit wird zum Qualitätsmerkmal, wenn sie allen Gästen einen sicheren, komfortablen und somit bequemen Urlaub ermöglicht.

2. Erhebliches Marktvolumen

In Deutschland leben derzeit 10,3 Mio. schwer- und leichtbehinderte Menschen. Das sind 13 % der Bevölkerung. Ihre Zahl wächst seit Jahren. Ältere sowie aktivitäts- und mobilitätseingeschränkte Reisende bieten deshalb als Gästegruppe ein großes Marktpotenzial.

3. Großes Marktwachstum

Aktuell sind in Deutschland 17,3 Mio. Menschen 65 Jahre alt oder älter. 2060 werden dies ca. 23 Mio. Menschen sein. Infolge dieses demographischen Wandels wächst auch die Nachfrage nach barrierefreien Angeboten deutlich.

4. Vorliebe für deutsche Reiseziele

Menschen mit Aktivitäts- und Mobilitätseinschränkungen sowie ältere Gäste verbringen ihren Urlaub oft und mit Vorliebe in deutschen Reiseregionen.

5. Höhere Auslastung in der Nebensaison

Mehr als andere Urlauber bevorzugen aktivitäts- und mobilitätseingeschränkte Gäste das Reisen in der Nebensaison.

6. Profil, Image und Wettbewerbsvorteile

Mit barrierefreien Angeboten können sich touristische Betriebe, Orte und Regionen profilieren und ihre Wettbewerbsposition verbessern.

7. Nutzen für die örtliche Bevölkerung

Von der barrierefreien Entwicklung eines Tourismusortes bzw. einer Tourismusregion profitieren auch die Einwohner, da die Lebens- und Aufenthaltsqualität vor Ort steigt.

Praxisbeispiel: Schwielowsee Tourismus

Brandenburger Städte und Kommunen gehen voran

Der Wunsch nach einem barrierefreien Umfeld wächst gleichermaßen für Gäste und Einheimische – sei es zum Wohnen, sei es zum Urlaub machen. Die Kommunen sind deshalb doppelt gefordert, eine barrierefreie Infrastruktur im öffentlichen Raum herzustellen.

Beispielhaft agierte hier die Gemeinde Schwielowsee: Sie erfasste zunächst die Barrierefreiheit im öffentlichen Raum sowie bei ausgewählten Tourismusanbietern – um im Anschluss daran Verbesserungsmaßnahmen durchzuführen und die Leistungsträger miteinander zu vernetzen.

Besonders vorbildlich: Die Gemeinde hat für alle drei Ortsteile Flyer mit Karten für eine barrierefreie Wegeführung erstellt, auf denen Einheimische und Gäste auch zahlreiche Informationen zu Angeboten für Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen finden. Die Flyer stehen auf der Webseite „Schwielowsee für Alle“ zum Download bereit und werden in der Tourist-Information angeboten.

Mehr Informationen unter: Schwielowsee Tourismus

Wussten Sie schon?

  • Im Jahr 2020 wird die Zahl der Reisen von älteren und behinderten Gästen innerhalb der EU auf 862 Mio. Reisen pro Jahr steigen. Gelänge es, die barrierefreie Zugänglichkeit tourismusrelevanter Einrichtungen deutlich zu erhöhen, ließen sich sogar jährlich 1.231 Mio. Reisen realisieren.
  • Im Jahr 2009 ist in Deutschland die UN Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK) in Kraft getreten. Damit ist die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Behinderungen, auch im Urlaub, ein Menschenrecht!