2. Gäste für barrierefreies Reisen kennenlernen

Lernen Sie die Anspruchsgruppen und Gäste für einen barrierefreien Tourismus kennen.

Zielgruppen betrachten

Reisende, die von barrierefreien Angeboten profitieren oder sie sogar zwingend brauchen, sind vor allem erst einmal Menschen, die auf Reisen bestimmte Dinge gerne tun: Sie besuchen Museen oder Cafés, wandern oder fahren Rad, kaufen ein oder genießen Wellnessangebote. Sie bevorzugen die Stadt oder das Land, übernachten in exklusiven Hotels oder auf einfachen Campingplätzen.
Sie tun das allein, zu zweit, als Familie oder in Gruppen. Und sie haben ein Wertegefüge, das ihr Selbstverständnis, ihr Verhalten und ihre Ansprüche bestimmt. Zwar haben sie größere oder kleinere Einschränkungen, aber sie alle wünschen sich ein unbeschwertes Urlaubserlebnis – auch in Brandenburg. In all dem unterscheiden sie sich also nicht von anderen Reisenden – und demnach auch nicht von denjenigen, die laut dem Konzept zur Marke Brandenburg die wichtigsten Zielgruppen bilden:

Genussorientierte Natururlauber

© Kappest/Uckermark (tmu GmbH)

Selbstverständnis/Werte: Natur, Familie, Kennenlernen, gutes Essen, Nachhaltigkeit, Qualität, körperliche Aktivität, Zeitautonomie

Aktivitäten: Natur, Genuss typischer Speisen/Getränke, Wandern, Wasseraktivitäten, Radfahren

Eventorientierte Smartshopper

© fotolia/Robert Kneschke

Selbstverständnis/Werte: Leistungsstreben, hoher Anspruch an sich, viele Erlebnisse, Konsum / Kaufen, Status

Aktivitäten: Besuch von Events, Aufenthalt in der Natur, Besuch historischer/kultureller Sehenswürdigkeiten

Intellektuelle Kulturliebhaber

© shutterstock/goodluz

Selbstverständnis/Werte: Bildung, Niveau, körperliche und geistige Aktivitäten, Ruhe, sich etwas gönnen

Aktivitäten: Besuch kultureller/historischer Sehenswürdigkeiten, Museen Ausstellungen, Natur

Qualitätsbewusste Entschleuniger

© shutterstock/michaeljung

Selbstverständnis/Werte: Zeitautonomie, Bewegung, Genuss, Gesundheit, Qualität, Exklusivität

Aktivitäten: Spazieren, Natur, Sehenswürdigkeiten, Shopping, Events, Wellness

Gesellige Familien

© shutterstock/Monkey Business Images

Selbstverständnis/Werte: Familie, Sicherheit, Natur, Entspannung, Begegnung, Nachhaltigkeit, Geselligkeit

Aktivitäten: Zeit mit der Familie, Aktivitäten am, im und auf dem Wasser, Erlebniseinrichtungen, Natur

Wünsche und Erwartungen von Gästen an Barrierefreiheit

Viele Gäste dieser Zielgruppen sind in ihrer Aktivität oder Mobilität eingeschränkt. Im Folgenden erfahren Sie im Überblick, welche Wünsche und Erwartungen die Gäste an Barrierefreiheit haben:

Gehbehinderte Gäste und Gäste im Rollstuhl

Es ist erstaunlich, wie viele Gäste aus den verschiedensten Ursachen dauerhaft oder vorübergehend in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Mal sind die Ursachen offensichtlich, mal sind sie unsichtbar:

  • Weil ihre Behinderung durch das Hilfsmittel Rollstuhl deutlich sichtbar ist, werden Rollstuhlfahrer von allen behinderten Menschen am deutlichsten wahrgenommen.
  • Offensichtlich ist die Einschränkung zum Beispiel auch bei Menschen mit gebrochenen Gliedmaßen.
  • Deutlich wahrnehmbar ist sie auch bei älteren Menschen, die Rollatoren benutzen, wenn sie unbeweglicher oder unsicherer werden.
  • Weniger sichtbar ist, dass die Sinne älterer Menschen nachlassen, so dass Schwerhörigkeit und Fehlsichtigkeit ihre  Wahrnehmung trüben. In der Folge beeinflusst das nicht nur ihre Mobilität, sondern führt auch zu einem höheren physischen Sicherheitsbedürfnis.
  • Weniger sichtbar ist die eingeschränkte Mobilität zudem auch bei Menschen mit chronischen Erkrankungen wie Rheuma oder Herz-Kreislaufproblemen.
  • Bei weiteren Gästegruppen müssen wir erst die Perspektive wechseln, um ihre Mobilitätseinschränkung zu erkennen: zum Beispiel bei Familien mit Kinderwagen und Gästen mit Fahrrädern oder großem Gepäck.

Sie alle begrüßen deshalb:

  • Stufenlose Wege und Zugänge
  • Keine Schwellen und Stufen
  • Ausreichend breite Türen
  • Treppen mit griffsicheren und beidseitigen Geländern
  • Genügend Bewegungs- und Rangierflächen in Räumen
  • Genügend Sitzmöglichkeiten
  • Ausreichend Raum und Abstellmöglichkeiten für Kinderwagen, Rollatoren etc.
  • Barrierefreie Toiletten und Badezimmer
  • Personen- und Gepäcktransport als Serviceleistung
  • Kommunikation „auf Augenhöhe“, z. B. mit Tresen in Sitzhöhe

Sehbehinderte und blinde Gäste

Sehbehinderte und blinde Menschen unterscheiden sich deutlich: Während eine blinde Person nicht oder nur sehr schlecht sieht,
verfügt eine sehbehinderte Person über ein gewisses Sehvermögen, auch wenn es nicht gut ist.

Hilfreiche Services für sehbehinderte Menschen sind unter anderem:

  • Beschriftungen in ausreichender Schriftgröße, z. B. auf Speisekarten
  • Piktogramme, Schalter, Griffe, Orientierungshilfen etc. mit deutlichen Kontrasten
  • Gute Lichtverhältnisse bzw. Ausleuchtung von Räumen
  • Ausleihbare Lesebrillen
  • Lichtbänder oder Kontraststreifen an Treppenstufen und Glastüren

Wer angemessen auf blinde Gäste reagieren möchte, kann dies z. B. mit folgenden Angeboten:

  • Akustisch abrufbare Informationen
  • Möglichkeit zur Mitnahme von Blinden- und Führhunden
  • Informationen in Blindenschrift (Brailleschrift) und/oder Daisy-Format (ein Audio-Format, das eine einfache Navigation zwischen den Inhalten erlaubt)
  • Persönliche Führungen/Begleitungen als Serviceleistung
  • Barrierefreie Internetseiten, die sich der blinde Nutzer z. B. von seinem Smartphone vorlesen lassen kann
  • Tastmodelle wichtiger Ausstellungsstücke

Hörbehinderte und gehörlose Menschen

Hörbehinderte und gehörlose Menschen können akustische Signale schlecht oder überhaupt nicht wahrnehmen. Folglich muss die Kommunikation im Wesentlichen visuell stattfinden. Viele gehörlose Menschen beherrschen die Gebärdensprache und/oder sind in der Lage, durch Lippenlesen einiges zu verstehen.

Wer auf hörbehinderte und/ oder gehörlose Gäste eingehen will, dem helfen folgende Tipps:

  • Optische anstelle akustischer Signale wie z. B. Feueralarm oder Wecker, noch besser: Ergänzung akustischer Signale um optische Signale
  • Informationen in schriftlicher Form, auf einfache Sprache achten
  • Ständiger Blickkontakt im Gespräch und deutliches Sprechen
  • Einbezug von Gebärdensprachdolmetschern bei Bedarf

Gäste mit Lernschwierigkeiten/ sog. „geistiger Behinderung“

Menschen mit kognitiven Einschränkungen brauchen häufig mehr Zeit und Ruhe, um Informationen verstehen zu können. Ihre Aufenthaltsqualität verbessern Sie zum Beispiel durch:

  • Mündliche Erklärungen in kurzen, einfachen und grammatikalisch korrekten Sätzen
  • Texte in kurzen, einfachen und grammatikalisch korrekten Sätzen (z. B. bei Infomaterialien)
  • Informationen in Leichter Sprache
  • Bildliche Darstellungen, z. B. mit bebilderten Speisekarten, Symbolen bei Ausschilderungen etc. (Davon profitieren auch ausländische Gäste und alle Gäste, die nicht lesen können.)

Gäste mit Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Allergien betreffen bundesweit eine wachsende Gruppe von Menschen. Mit diesen Maßnahmen können Sie auf die Bedürfnisse von Allergikern reagieren:

  • Holz- oder Kunststoffböden anstelle von Teppichböden
  • Allergikerfreundliche Betten und Bettwäsche
  • Gerichte ohne allergene Stoffe anbieten und auf der Speisekarte deutlich kennzeichnen
  • Gut lesbare Auszeichnungen am Frühstücksbuffet für Allergiker (z. B. Hinweise auf Nüsse und Mandeln, Laktosefreiheit etc.) sowie alternative, allergenfreie Angebote
  • Bestimmte Etagen mit Haustierverbot
  • Verzicht auf allergologisch bedenkliche Zimmerpflanzen

Beispiel 1: Gästeführer mit kognitiven Einschränkungen in Potsdam

Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg hat in Kooperation mit den Oberlin Werkstätten Potsdam Menschen mit kognitiven Einschränkungen zu Gästeführern ausgebildet. Sie bieten regelmäßig Führungen in einfacher Sprache durch die Orangerie von Sanssouci an. Ein Führungsangebot anläßlich des 75. Jahrestags des Potsdamer Abkommens im Jahr 2020 im Schloss Cecilienhof ist derzeit in Vorbereitung.

Beispiel 2: Barnim Panorama in Wandlitz

Das Barnim Panorama vereinigt das Naturparkhaus Barnim und das Agrarmuseum Wandlitz unter einem Dach. Schon von zu Hause aus können sich auch blinde Gäste auf den barrierefreien Internetseiten über die Ausstellungen informieren. Die Aufzüge im Museum haben eine akustische Stockwerkansage und Bedienelemente in tastbarer Brailleschrift. Viele Ausstellungsobjekte können mit mehreren Sinnen erlebt werden. Spezielle Führungen für blinde und sehbehinderte Gäste werden angeboten. Blindenführhunde dürfen in die Ausstellung mitgenommen werden.

Beispiel 3: Pension Pusteblume in Meyenburg

Die Pension bietet neben barrierefreien Einzel- und Doppelzimmern mit Pflegebetten und barrierefreien Küchen auch Tagesausflugsmöglichkeiten mit dem hauseigenen Fahrdienst an. Darüber hinaus werden Service- und Betreuungsleistungen innerhalb der Pension durch Hausdamen erbracht. Bei Bedarf kann auf eine Kooperation mit einem Pflegedienst zurückgegriffen werden.

Beispiel 4: Museum des Dreißigjährigen Krieges in Wittstock

Das Museum hat einen Einführungsfilm sowie 4 verschiedene Filmsequenzen zu den Themen „Elend“, „Feldmedizin“, „Schlacht“ und „Söldner“ mit Untertiteln und Gebärdensprachdolmetscher produziert. Bei den Museumsführungen kann auf Anfrage ein Gebärdensprachdolmetscher hinzugezogen werden.

Weitere Infos zur Marke Brandenburg

Weitere Infos zur Marke Brandenburg bieten Ihnen der Leitfaden Tourismus. Marke. Brandenburg: Neue Tourismusmarke in 36 Minuten verstehen und die Webseite www.tourismusmarke-brandenburg.de

Wussten Sie schon?

Viele Allergiker wohnen gleich bei Ihnen um die Ecke. Jedes vierte Brandenburger Kind zwischen 0 und 16 Jahren leidet unter einer Allergie, bei den Berlinern und Berlinerinnen zwischen 30 und 39 Jahren sind es sogar 60 %. Neurodermitis, Heuschnupfen und Asthma sind am weitesten verbreitet. Allergikergerechte Angebote betreffen also eine Gruppe, die wirtschaftlich nicht zu  unterschätzen ist: Familien mit Kindern auf Wochenendausflügen.

TIPP

Lernen Sie Ihre Gäste kennen! Fragen Sie nach Wünschen und Bedürfnissen und geben Sie Ihren Gästen die Möglichkeit, Feedback zu geben. Dies kann durch Fragebögen geschehen, die im Gästezimmer ausliegen, oder ganz unkompliziert
im Internet. Wichtig: Fragen Sie gezielt nach Verbesserungsvorschlägen zur Barrierefreiheit!