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25.01.2021

Best Practice: Barberini Live Tour – jetzt auch für blinde und sehbehinderte Gäste

Potsdam
Kulturtourismus Kunst & Ausstellungen
Das Museum Barberini hat seine digitalen Angebote für die Zeit des Lockdowns stark ausgeweitet. Besonders beliebt sind die Live-Touren, bei denen die Gäste über Zoom mit dem Guide durch die Ausstellung „gehen“. Die Live-Tour hat das Museum nun auch für blinde und sehbehinderte Menschen ins Programm aufgenommen. Wir haben mit Alexandra Schmöger gesprochen, die die Touren durchführt.

Die Premiere der Live-Touren für blinde und sehbehinderte Gäste findet am 29. Januar um 15 Uhr statt. Die Tour ist – wie alle Touren des Barberini – über die Website www.museum-barberini.com buchbar und kostet 3,00 Euro pro Person. Die Einwahldaten erhalten die Gäste nach der Anmeldung.

Die Bau- und Kunsthistorikerin Alexandra Schmöger, die freiberuflich als Guide im Museum Barberini arbeitet, wird die Gäste begleiten. Sie führt blinde und sehbehinderte, aber auch gehörlose Besucherinnen und Besucher live durch die jeweiligen Ausstellungen. Auch Führungen in einfacher Sprache werden von ihr durchgeführt.

Kerstin Lehmann, Referentin barrierefreies Reisen bei der TMB Tourismus-Marketing Brandenburg, hat mit  Alexandra Schmöger über diese speziellen Touren in einem Interview gesprochen:

Frau Schmöger, was unterscheidet eine digitale Tour von einer Tour live im Museum?
Das Konzept ist zunächst einmal sehr ähnlich. Für blinde und sehbehinderte Gäste muss ich die Kunstwerke sehr genau beschreiben. Auch Dinge wie die Materialität, die Größe oder die Form des Kunstwerks spielen dabei eine wichtige Rolle. Ich versuche die Kunstwerksbeschreibung sehr bildhaft zu machen, also mit Hilfe von Wörtern, die Assoziationen und Gefühle erzeugen. Es sind Gäste dabei, die sind von Geburt aus blind, andere haben ihr Augenlicht im Laufe des Lebens verloren und zum Teil noch Erinnerungen an Farben oder Formen. Andere wiederum haben eine deutlich eingeschränkte, aber vorhandene Sehkraft. Alle Gruppen möchte ich erreichen. Die Schwierigkeit bei den digitalen Touren ist, dass ich keine zusätzlichen Elemente nutzen kann, die andere Sinne ansprechen. Bei den Führungen im Museum habe ich immer Dinge zum Ertasten und sogar zum Riechen dabei. Dies fällt beim digitalen Format natürlich aus.

Wie läuft denn die digitale Führung ab?
Die Gäste können sich in das Zoom-Meeting über das Telefon oder den Computer einwählen. Gästen, die noch etwas sehen können, empfehlen wir die Einwahl über den Computer, weil sie dann zusätzlich dem hier geteilten 360-Grad Rundgang folgen können, in dem wir die besprochenen Bilder zeigen.

Bei der digitalen Führung unterstützt mich mit Lutz Stöppler ein Kollege aus dem Guideteam des Museums Barberini, der auch in den Staatlichen Museen Berlin schon Telefonführungen gemacht hat. Wir können die Werke im Dialog miteinander vorstellen und es ist für die Teilnehmenden angenehm, weil sie eine weitere Stimme hören. Der Kontrast zwischen männlicher und weiblicher Stimme erzeugt einen zusätzlichen akustischen Reiz. 

Zunächst stellen wir dann das Museum vor, beschreiben und erläutern ausgewählte Werke aus der Sammlung Hasso Plattners vom Impressionismus bis zu den Fauves. Zwischendrin können natürlich auch immer Fragen gestellt werden. Dies dauert ca. 40 Minuten, sodass noch 20 Minuten für den Austausch zwischen Teilnehmern und uns bleiben. Die Gäste sind in der Regel sehr interessiert und nehmen die Zeit für Fragen sehr gerne in Anspruch.

Wie haben Sie sich auf die barrierefreien Führungen vorbereitet?
Ich arbeite schon sehr lange als Guide und habe viel Erfahrung mit ganz unterschiedlichen Gästen. Für Kinder und Jugendliche, die nicht immer über viel Vorwissen im Bereich der Kunst verfügen, ist eine bildhafte Beschreibung, sind Vergleiche und Emotionen auch ganz wichtig. Darüber hinaus habe ich sehr viele Fachpublikationen dazu gelesen und mich bei den Fachverbänden informiert. Das Konzept für die Führungen arbeite ich selber aus und verfeinere es eigentlich immer wieder, denn mit jeder Führungen lernt man auch dazu.

Wie werden die barrierefreien Angebote im Museum Barberini angenommen?
Neben den Angeboten für blinde und sehbehinderte Besucher bieten wir auch Rundgänge für gehörlose Gäste an. Diese mache ich im Tandem mit einer Gebärdendolmetscherin. Auch Führungen in einfacher Sprache kann man im Museum buchen. Es gibt ein großes und treues Stammpublikum, das sich sehr über die Angebote freut. Das Konzept der wechselnden Ausstellungen im Barberini sorgt ja auch dafür, dass in regelmäßigen Abständen etwas Neues zu erleben ist. Für jede Ausstellung erarbeite ich auch ein neues Konzept für die barrierefreien Führungen. Das digitale Format ist ja eine Premiere. Ich hoffe, dass es auch gut angenommen wird.

Nicht alle Museen haben barrierefreie Führungen im Angebot. Vielleicht auch aus Sorge, diesen Zielgruppen nicht gerecht werden zu können. Wie sind ihre Erfahrungen mit den Gästen?
Durch die Bank positiv! Man kann sich hier eine treue „Community“ aufbauen. Die Gäste sind sehr interessiert und sehr offen für viele Themen. Für mich persönlich und für meine Arbeit empfinde ich das als eine große Bereicherung. Auch weil ich mich mit den besonderen Anforderungen immer wieder auseinandersetzen muss und dadurch häufig eine ganz neue Sicht auf Themen und Dinge bekomme. 

Frau Schmöger, vielen Dank für das Gespräch!

Wer sich zum Thema der barrierefreien Führungen gerne mit den Fachleuten des Museums Barberini austauschen möchte, kann im Bereich Bildung und Vermittlung Dr. Dorothee Entrup über die E-Mail Adresse bildung@museum-barberini.com kontaktieren.

 

 

 

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Kerstin Lehmann

Barrierefreier Tourismus/Markenmanagement Fläming und Lausitzer Seenland

TMB Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH

0331-29873-786 Kerstin.Lehmann@reiseland-brandenburg.de

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