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08.09.2021

Expertenaustausch zur “Zukunft des Radtourismus”

Deutschland Land Brandenburg
Naturtourismus Radtourismus Sport & Aktiv
Welche entscheidenden Entwicklungen gibt es in diesem Segment? Was zeigt der Blick in die Glaskugel? Anfang September tauschten sich Radtourismus-Experten der Landesmarketingorganisationen mit Handel, Touristikern und Fachverbänden aus.

Wir Radexperten aus den Ländern tauschen uns regelmäßig online aus und ich schätze das sehr. Die unterschiedlichen Sichtweisen, Kompetenzen und Erfahrungen sind ein Schatz. Dieses geballte Know-How wollten wir schon lange nutzen, um über die Zukunft des Radtourismus zu sprechen, was wir nun bei der Tourismuszentrale Saarland getan haben. Ein paar wesentliche Punkte des Austausches will ich hier aus meiner Sicht publik machen: 

  1. Das Rad als Ausdruck von Werten und Lebensstil: Ein Trend, der schon länger erkennbar ist, verstärkt sich: das Fahrrad ist nicht nur nüchternes Fortbewegungs-, sondern immer mehr Ausdrucksmittel: Welches Rad gefahren wird, welche Klamotten dazu angezogen und welche Accessoires getragen werden, wird wichtiger. Das vermittelt eigene Werte und wie der Radfahrende selber gesehen werden will. Nicht umsonst boomt die Fahrradwirtschaft und mit ihr der Fahrradtourismus, wie man auch der jüngsten Studie der Branche entnehmen kann.
  2. Divers und bunt: Der Markt segmentiert sich immer mehr und damit auch die Zielgruppen und Spielarten. Während vor Jahren es eigentlich nur wenige Arten von Rädern gab, wird die Mischung immer illustrer: E-Mountainbikes, Gravelbikes, Cargobikes etc. mit Innovationen wie dem “Leval Curve Light Assistant”: Neue Räder bieten auch vielfältige Nutzungsarten für den Tourismus. Jüngstes Beispiel aus Brandenburg: Cargobike Adventures. Die immer kürzer werdenden Innovationszyklen treiben Planern und Kommunen den Schweiß auf die Stirn. Beispiel: Vor wenigen Jahren träumten wir alle von einer ausgedehnten E-Bike-Ladeinfrastruktur - nun sind die Reichweiten der E-Bikes so groß, dass es sie in der Form nicht mehr braucht.
  3. Angebot kleiner als die Nachfrage: Der Markt boomt, doch leider wird er nicht in dem Maße bedient werden können. Auch wenn in der Coronazeit die Zahlen durch die Decke gingen: Material-, Lieferengpässe und auch hier der Fachkräftemangel bremsen die Entwicklung. Die Zeiten sind vorbei, in denen man mit seinem Wunsch-Bike direkt vom Händler nach Hause geradelt ist. Mehrwöchige Wartezeiten sind eher die Regel. U.a. dieser Umstand führt zu einer negativen Entwicklung.
  4. Service leidet: Der Verleih von Rädern an Touristen und Ausflügler hat sich bisher nur bei wenigen gerechnet und wurde oft als Abrundung des Services verstanden. Für Händler wird wegen der o.g. Engpässe der Verleih immer unattraktiver. Apropos Verleih: Gerade weil das persönliche, hochwertige und kostspielige Bike als Ausdrucksmittel verstanden wird, wollen immer weniger Menschen auf preiswerte Standardräder in der Freizeit oder im Urlaub zurückgreifen. Auch andere Dienstleistungen entlang der Customer Journey werden schwieriger: Bspw. Werkstatttermine mit dem eigenen Rad während des Urlaubs (das sich wegen der vielen smarten Technik, E-Antrieb usw. eben nicht mehr schnell selbst reparieren lässt). Wer möchte auf die nächste Woche vertröstet werden, wenn die Familie nur zwei Wochen vor Ort ist?
  5. Lenkung und Management werden noch wichtiger: Noch nie zuvor haben so viele Urlauber das Rad während ihres Aufenthaltes in Brandenburg benutzt wie im letzten Jahr (GfK DestinationMonitor 2020). Dazu kommen noch die vermehrten Tagesausflüge der Einwohner aus Brandenburg und Berlin. Diese Entwicklung ist keine Eintagsfliege, sie hat sich nur noch verstärkt. Das bringt schon viel diskutierte Herausforderungen mit sich. Wenn immer mehr Menschen die Infrastrukturen und Angebote nutzen, dann tun sich hier gewaltige Aufgaben für die DMOs u.a. Akteure auf: Infrastrukturen, Wissen und Netzwerke wollen und müssen gemanagt werden, damit am Ende doch ein eindrucksvolles Erlebnis in der Destination hängen bleibt.
  6. Infrastruktur muss sich weiterentwickeln: Wie in vielen anderen Bundesländern auch, wurde in Brandenburg viel in Infrastruktur investiert. Die gute Nachricht ist: es hat sich gelohnt (siehe 5.)! Dennoch wird die Entwicklung nicht abgeschlossen sein. Neben den “Adern” wie Radfernwegen, Radwegenetzen werden auch punktuelle Infrastruktur und Angebote benötigt. Schon allein wegen der fortschreitenden Differenzierung und der bunten Mischung an Rädern: Pump Tracks, Single Trails, Trekkingrouten etc. werden zukünftig gebraucht! Besonderes Augenmerk gilt dabei auch Materialien und Routenführung: der Klimawandel wird hier gravierende Einflüsse haben.

Für mich bleiben als Fazit drei große Aufgaben im Visier:

  • Die Hersteller treiben Innovationen und Diversifizierung voran: hier eröffnen sich neue Spielarten und Chancen für die touristische Nutzung.
  • Fast jede Destination in Deutschland setzt auf Radtourismus, es gibt über 200 Radfernwege in Deutschland. Differenzierung erfolgt nur noch in der Tiefe des Angebotes und begleitende Services. Destinationen, die sich hier gut aufstellen, werden (weiterhin) eine wichtige Rolle spielen. Es muss eine Art von “Fahrradkultur” entwickelt werden. Fast niemand käme auf die Idee in Amsterdam nicht Rad zu fahren: einfach alles lädt dort dazu ein!
  • Es braucht viel mehr Kooperationen: zwischen Touristikern und Herstellern, die schon die nächste Innovation in petto haben, zwischen Touristikern, Land, Kommunen und regionalen Netzwerken, um der Aufgabe der Infrastukturweiterentwicklung und des Managements gerecht zu werden.

Natürlich gäbe es noch viel mehr zu sagen - gern können Sie und ich uns auch austauschen zum Thema. 

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Dirk Wetzel

Teamleiter Marken- und Themenmanagement/ Markenmanagement für Prignitz & Ruppiner Seenland

TMB Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH

0331-29873-789 dirk.wetzel@reiseland-brandenburg.de

Partner im Tourismusnetzwerk