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18.06.2019

„Gartenschauen können wie ein Katalysator wirken“

Land Brandenburg
Interview mit Christian Rast, Prokurist der ift Freizeit- und Tourismusberatung GmbH und Gartenschauexperte.

Herr Rast, für die ift GmbH beschäftigen Sie sich seit vielen Jahren mit Gartenschauen. Können Sie kurz skizzieren, welche thematische Bandbreite bei Ihrer Arbeit eine Rolle spielt?

Ich beschäftige mich seit dem Jahr 1997 mit Gartenschauen. Damals habe ich im Rahmen der BUGA in Gelsenkirchen meine Diplomarbeit über das Thema geschrieben. Seit dem arbeite ich jährlich an rund 4 bis 5 Gartenschauprojekten. Das sind Machbarkeitsstudien, Bewerbungen oder Besuchsprognosen, aber auch Umsetzungsberatungen mit Marketingkonzepten, Fortschreibungen von Durchführungshaushalten oder Moderation von Workshops, z.B. zu Themen wie Mobilität oder Hotellerie in Verbindung mit Gartenschauen. Aktuelle Projekte waren zum Beispiel die Machbarkeitsstudie sowie die Bewerbung für die BUGA 2029 im Mittelrheintal oder die Besucherbefragung der gerade laufenden BUGA in Heilbronn. 

Im Jahr 1995 fand in Cottbus die erste Bundesgartenschau in Ostdeutschland statt. Im Jahr 2001 folgte die BUGA in Potsdam, 2015 die Premiere eines dezentralen BUGA-Konzeptes in der Havelregion. Mit der Laga Wittstock/Dosse lädt das Land in diesem Jahr bereits zum sechsten Mal zu einer Landesgartenschau ein. Mit dem Blick von außen: Was zeichnet die Gartenschauen im Land Brandenburg aus, auch im Vergleich zu den Konzepten in anderen Bundesländern?

Brandenburg ist unter den Ostdeutschen Bundesländern das Bundesland mit der größten Gartenschautradition, das kann man schon eindeutig sagen. Zu Beginn war es vor allen Dingen das Thema Stadtumbau, das die Gartenschaukonzepte in Brandenburg bestimmt hat. Die Landesregierung, aber auch die Landkreise und die Kommunen, ohne die eine Gartenschauen ja nicht umsetzbar wäre, haben erkannt, dass dies ein gutes Instrument ist. In einem klar definierten Zeitraum und mit einem gebündelten Mitteleinsatz können zukunftsweisende Projekte in Bereichen wie Städtebau, Wohn- und Gewerbeflächenentwicklung, Freizeit- und Verkehrsinfrastruktur umgesetzt werden, für die man sonst viel länger gebraucht hätte. Seit einiger Zeit rücken nun weitere Themen und Aspekte in den Fokus. Dazu gehören auch die touristische Infrastruktur und die Erlebbarkeit von Stadtraum. Dafür ist auch Wittstock ein schönes Beispiel. Der historische Stadtkern wurde bereits vorher auf beeindruckende Weise saniert. Mit der Gartenschau konnte man nun den Gartenanlagen entlang der Stadtmauer eine neue, auch touristische Aufenthaltsqualität geben und dem Alleinstellungsmerkmal „Geschichte“, das man mit dem Museum des Dreißigjährigen Kriegs ja vorweisen kann, noch mehr in Szene setzen. 

Apropos Erfolg: Besucherzahlen und Erlöse sind ohne Zweifel wichtige Kriterien zur Bewertung von Chancen und Erfolgen einer Gartenschau. Welche touristischen Effekte haben Gartenschauen?

Besonders wichtig ist aus meiner Sicht der Aspekt der Identität. Gartenschauen können wie ein Katalysator wirken und dafür sorgen, dass sich die Einwohnerinnen und Einwohner des Ortes und der Region mit ihrer Heimat identifizieren. Dies wirkt sich dann auch wieder positiv auf den Tourismusstandort aus. Die mit der Gartenschau umgesetzten Maßnahmen im Bereich des Städtebaus, des Verkehrs oder der Freiflächenplanung haben natürlich auch großen Einfluss auf die touristische Attraktivität eines Standortes. Außerdem lassen hunderttausende Gäste viel Geld in der Region. Bekanntheit und Image können durch die hohe Außenwirkung verändert werden.

Was bringen starke Gartenschaustandorte mit und was ist beim Marketing zu beachten?

Die Basis ist ein überzeugendes Konzept. Hierbei ist es immer gut, wenn man schon direkt darüber nachdenkt, welche 2-3 Bilder man bei den Menschen erzeugen kann, die in den Köpfen bleiben. Die perfekte Durchführung der halbjährigen Veranstaltung ist ein Muss, ebenso wie ausreichende Ressourcen – finanziell wie auch personell. Es macht außerdem unbedingt Sinn, das Gartenschaumarketing mit dem Standortmarketing zu verzahnen. Gartenschauen können nicht im luftleeren Raum existieren, sie sind eingebunden in eine Stadt und Region. Dabei ist es auch wichtig, über Stadtgrenzen hinausdenken und starke Partnerschaften zu generieren. Mit alldem sollte bereits sehr frühzeitig begonnen werden. Ganz wichtig ist auch das Thema der Erreichbarkeit und der Anbindung, auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Der ÖPNV ist immer ein wichtiger Partner für die Gartenschauen. Und: Gartenschauen müssen „glänzen“ können und im Mittelpunkt stehen. Es ist gut, wenn es für die jeweilige Stadt oder Region ein wahres „Dekaden-Highlight“ ist. Das funktioniert in etwas kleineren Städten manchmal besser, als in Großstädten, in denen es viele Veranstaltungen und Ereignisse gibt. 

Auch Gartenschauen gehen mit der Zeit. Was hat sich in den letzten Jahren geändert und wohin muss die Reise gehen, um Gartenschauen auch zukünftig interessant zu machen - als Instrument für Regionen, aber auch für Besucherinnen und Besucher?

Dezentrale Konzepte sind im Kommen. Nicht nur, um Kosten und Aufwand auf mehrere Schultern zu verteilen, sondern auch weil man erkannt hat, dass die Wirkung dann in eine ganze Region ausstrahlen kann. Die BUGA im Havelland hat es vorgemacht. Wenn auch die Zahl der verkauften Tickets hier hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist, die langfristigen touristischen und qualitativen Effekte für die Region sind absolut greifbar. Damit war die BUGA für das Havelland ein Erfolg. Die BUGA Oberes Mittelrheintal 2029 von Koblenz bis Bingen/Rüdesheim und die IGA Metropole Ruhr 2027 im Ruhrgebiet werden dezentrale Gartenschauen sein. Aber auch für Landesgartenschauen könnte die Dezentralität künftig zu einem Thema werden, zum Beispiel, in dem Projekte in benachbarten Städten und Gemeinde einbezogen werden oder das Ticket Leistungen von weiteren Partnern aus der Region enthält. Selbstverständlich ist es aber so, dass bei dezentralen Konzepten das Durchführungsbudget entsprechend angepasst werden muss. 

Verändert haben sich in den letzten Jahren sicherlich die Themen der Gartenschauen. Mit einer reinen „Blümchenschau“ hat das, was Gartenschauen heute bieten, schon sehr lange nichts mehr zu tun. Je nach Standort ändert sich der Fokus: vom Städtebau und neuen Wohnformen über Nachhaltigkeit und Artenschutz bis hin zu regionalen Produkten. Es wird immer wichtiger, eine Geschichte rund um die Gartenschau erzählen zu können. Dabei müssen sich die Gartenthemen aber keinesfalls unterordnen. Gärten und Natur liegen absolut im Trend, auch bei einem jüngeren Publikum! 

Und wie sieht es mit dem Thema Digitalisierung und Gartenschau aus?

Woran wir gerade aktuell arbeiten, ist das Angebot und die Services entlang der Customer Journey noch stärker zu individualisieren. Hier bietet die Digitalisierung natürlich jede Menge Möglichkeiten. Entsprechend ist es aktuell ein großes Thema, die Angebote auf den Gartenschauen und in ihrem Umfeld noch stärker als bisher auf Besucher zuzuschneiden, um Aufenthaltsqualität zu steigern, individuelle Gartenschaubausteine anzubieten und die Wertschöpfung zu erhöhen. 

Herr Rast, vielen Dank für das Gespräch.
 

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