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17.12.2018

Nahverkehr und Tourismus 2018: ein Rückblick!

Land Brandenburg
Nun ist schon fast wieder Weihnachten. Die Wochen fliegen ins Land. Erich Kästner sagte einmal: „Die Zeit fährt Auto.“ Heute würde er vielleicht sagen: „Die Zeit fährt autonomes E-Auto.“ Es war jedenfalls ein guter Tag, am 7. November 2018 über dieses und andere Themen im Bereich neue Mobilitätsarten und touristische Verkehre im Land Brandenburg zu sprechen. Die Konferenz „Nahverkehr und Tourismus“ fand übrigens zum 10 Mal statt: ein schönes Jubiläum!

Die Plätze in der IHK Potsdam waren sehr gut gefüllt, denn Mobilität und die verkehrliche Erreichbarkeit beschäftigt den Tourismus seit Langem. Denn, so berichtete Jens Werthwein, Geschäftsführer Wirtschaft der IHK Potsdam, in seinem Grußwort, ob der Tourismus erfolgreich sei oder nicht, entscheide sich auf dem Weg in die Destination. Wie kommt der Gast an, wie bewegt er sich im Raum? Dabei verschiebt sich die Bedeutung des eigenen Autos immer mehr und öffentliche Verkehre gewinnen erfreulicherweise an Zuspruch. Und Zukunftsthemen wie Elektromobilität und autonomes Fahren sind plötzlich gar nicht mehr so weit entfernt.

Infrastrukturministerin Kathrin Schneider fragte anschließend ergänzend in ihrer Einleitung, ob wir überhaupt bereit seien, uns mit neuen Wegen auseinanderzusetzen? Und ob wir aktiv seien oder den Themen nur hinterher springen würden?

Es brauche deshalb mehr langfristiges Denken, so Schneider. Eine gute Grundlage dafür ist der neue Nahverkehrsplan mit 10 Millionen mehr Zugkilometern in den kommenden 10, 15 Jahren, d.h. ca. 1/3 mehr Bewegung auf der Schiene. Sie bat aber auch um Verständnis, dass die damit verbundenen Planungen, Ausschreibungen und Umsetzungen Zeit brauchen, da das Verkehrsgesamtsystem komplex ist. Schneider versprach aber auch, dass die Freizeit- und Tourismusverkehre dabei immer mitgedacht werden.

Der erste Fachvortrag wurde von Martin Luge, www.pampa-mitfahren.de gehalten. Das Projekt wurde initiiert von der Gemeinde Prötzel, umgesetzt wurde es von Raum für Zukunft. Dem Ort ging es ähnlich, wie vielen anderen Orten in den ländlichen Räumen: gleiche Wege der BürgerInnen, hoher Durchgangsverkehr, öffentliche Verkehrsmittel niedrig frequentiert, überfüllte Züge, ungenutzte PKWs auf den Parkplätzen. Da kam der Gemeinde die Idee, gemeinsame Alltagsfahrten besser zu organisieren, um Zeit und Geld zu sparen, den Gemeinsinn zu stärken und sogar den Zweitwagen überflüssig zu machen. Wie macht man das? Es gibt mittlerweile einige Lösungen am Markt, die allerdings hauptsächlich für den urbanen Raum umsetzbar sind. Deshalb ging man in der Gemeinde Prötzel einen ganz eigenen Weg: die zukünftigen Nutzer wurden in den Mittelpunkt gestellt, Workshops wurden organisiert, Aufklärung betrieben und Hemmnisse abgebaut, nicht zuletzt auch vor der Nutzung digitaler Technologien. Die Erkenntnisse der Einbeziehung kurz zusammengefasst: einfache Bedienung, Einbeziehung von Rückwegen bei Fahrten, Wahrung der Privatsphäre und wirkliche Mehrwerte für die Nutzer. Kurz: Je weniger Klicks, desto besser im Alltag. Die App bildet mittlerweile den gesamten Landkreis Märkisch-Oderland ab: 200 Orte, 125 Kitas, 62 Schulen, 26 Bahnhöfe und 6 Krankenhäuser. Immerhin konnten in nur sechs Wochen schon 120 Nutzer gewonnen werden.

Nach dem sehr engagierten Vortrag von pampa berichtete Norman Pieniak vom Reiner Lemoine Institut über den Stand der Elektromobilität im Land Brandenburg. Manchmal sind ja Studienergebnisse genauso einfach, wie treffend: es muss ein Zusammenspiel von Netzbetreibern, Ländern, Bund, Ladesäulenbetreibern, dem Einzelhandel und auch (touristischen) Unternehmen geben, die ihre Ladeinfrastruktur auch öffentlich zur Verfügung stellen. Das funktioniert, so das RLI, an vielen Orten auch schon sehr gut. Um den weiteren Ausbau für Entscheidungsträger einfacher zu machen, hat das Institut den Localiser aufgebaut, der lokale Potenziale, Akteure und Mitbewerber sichtbar macht und eine automatisierte und kostengünstige Planung von Ladeinfrastrukturen und Sharingangeboten ermöglicht.

Auch schön: Ein Wiederkehrer bei den Vortragenden. Schon im letzten Jahr hatten Vertreter der Wirtschaftsregion Lausitz GmbH vom Aufbau einer Gästekarte inkl. Mobilitätsdienstleistungen á la Konus-Card im Spreewald berichtet. Jetzt sind sie mehrere Schritte weiter. Die dringend benötigte Änderung des Kommunalen Abgabegesetzes ist abgehakt und fast alle wollen mitmachen. Ein Punkt ist allerdings immer noch ungeklärt. Wie hoch muss der Umlagebetrag sein? Die Zahlen liegen auf dem Tisch, zur Diskussion steht aber noch, was die Verkehrsträger benötigen und wieviel die Kommunen/Touristiker bereit sind zu bezahlen. Es gibt noch viel zu tun: weitere Verhandlungsrunden mit VBB, Verkehrsgesellschaften und Landkreisen, Abstimmung der konkreten Abwicklung im Tourismusverband Spreewald und vieles mehr. Wovor man Respekt haben muss: seit vielen Jahren sind die Verantwortlichen im Spreewald an diesem Projekt dran. Da wird nicht nur geredet, sondern wirklich etwas getan, was schließlich Vielen zu Gute kommt. 

Und weil der VBB schon mal angesprochen war, stellte Herr Jürgen Ross, Bereichsleiter Planung und Fahrgastinformation, ein Erfolgsmodell vor: den PlusBus, die Premium-Linien des VBB. Momentan sind folgende Landkreise sind dabei: Potsdam-Mittelmark, Prignitz, Ostprignitz-Ruppin, Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald. Im nächsten Jahr folgen wahrscheinlich Uckermark, Elbe-Elster, Märkisch Oderland und Spree-Neiße. Das Ziel: schnelle Direktverbindungen von Kommune zu Kommune, mind. 15 Fahrten am Tag, am Wochenende mind. 12 Fahrten pro Tag. Das ist dann auch touristisch relevant. Nicht ungehört blieb deshalb auch die Aufforderung von Ross, den PlusBus aktiv in die touristische Vermarktung zu nehmen. Denn: wenn man in unter einer halben Stunde von Potsdam nach Beelitz mit dem Bus fahren kann: wozu brauche man dann noch ein Auto?

Thomas Berger, Bürgermeister der Clauertstadt Trebbin, aus dem Fläming brachte noch ein Plus mehr mit. Den neuen „PlusPlusBus“ von Trebbin, den Kranich-Express Nuthe-Nieplitz. Das Spannende: hier verbinden sich innovative Projekte in Brandenburg. Die Idee kam von der Kommune, die sich seit langem mit Erneuerbaren Energien und Elektromobilität auseinandersetzt und eine klare Vision von ihrer Zukunft hat. Finanziert wurde der Kranich-Express über das Projekt Flämingschmiede des Tourismusverbandes Fläming e.V. Das Prinzip des neuen Angebotes: sieben tägliche Fahrten, Hop-on/Hop-Off Prinzip, Busfahrt startet und endet am Bahnhof Trebbin. Und das Beste: der Kranich-Express fährt komplett elektrisch.  Ein schönes Beispiel dafür, dass Innovationen entstehen können, wenn die öffentliche Hand, touristische Anbieter, der Landkreis, die Verkehrsgesellschaften, Naturparke und Gewerbevereine zusammenarbeiten. 

Aber nicht nur in Brandenburg tut sich was. Deshalb war auch Volker Gröll, Leiter der Kurverwaltung Bad Birnbach, in Potsdam und berichtete von seinen Erfahrungen mit Deutschlands erstem selbstfahrenden Bus und warum das wegweisend für andere touristische Destinationen sein kann. Bad Birnbach, ein idyllischer Ort mit 5.700 Einwohnern, einer Fläche von 70 qkm und 85 Ortsteilen. Immerhin 630.000 Übernachtungen zählte die Kleinstadt 2017.Also alles gut? Gröll berichtete aber auch, dass immer mehr Gäste kein Auto nutzten und immer älter werdende Gäste auch bequemere Anreisemöglichkeiten benötigen. Immerhin ist der Bahnhof gut 2 km außerhalb des Zentrums.  Deshalb haben sich die Birnbacher Gedanken gemacht und als Ziel formuliert: „ÖPNV muss sexy sein und muss zu den Menschen kommen!“ Die Idee für einen autonomen Minibus war geboren, der zukünftig den Bahnhof mit dem Stadtzentrum verbinden soll. Der Test im 1. Jahr verlief vielversprechend. Trotz der noch kürzeren Strecke nutzten den Bus bereits ca. 20.000 Fahrgäste und dieser legte mehr als 10.000 km autonom zurück.

Geht das auch in Brandenburg? Arne Holst von der TU Berlin stellte das Projekt „Autonomer Öffentlicher Verkehr im ländlichen Raum (Landkreis Ostprignitz-Ruppin)“ vor. Hier handelt es sich in erster Linie um ein Forschungsprojekt, aber mit diesem können die Grundlagen für den Praxiseinsatz auch in Brandenburg gelegt werden. Mit gut 2 Mio. Euro ausgestattet werden Voraussetzungen für den verkehrlichen Einsatz, die Nutzerakzeptanz, die Finanzierungsroutinen für den öffentlichen Verkehr und schließlich Übertragbarkeitsaussagen für andere Regionen geschaffen. Das Konsortium dafür ist breit aufgestellt: TU Berlin, TU Dresden, die REG, die Ostprignitz-Ruppiner Personennahverkehrsgesellschaft, der VDI sowie das Büro autoBus und IGES, die bereits im Spreewald mitgeholfen haben.

Auch ein konkreter Ort ist schon gefunden, an dem wir hoffentlich zukünftig auch in Brandenburg autonom unterwegs sein können: Wusterhausen/Dosse. Mit fast 8 km Strecke ist der Plan sehr ambitioniert, wäre aber sicherlich nicht nur für die Region ein Meilenstein.

In den beiden letzten Fachvorträgen wurden Lösungen von rethink mobility (die Plattform für betriebliches Mobilitätsmanagement) sowie von Motiontag (Mobilitätsanalysen sowie „Ticket Easy“) vorgestellt: zwei erfolgreiche junge Unternehmen aus der Hauptstadtregion.

Zu guter Letzt fesselte uns der Mobilitäts- und Zukunftsforscher Prof. Dr. Stephan Rammler, wissenschaftlicher Direktor am Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung Berlin, mit seinem Diskussionsbeitrag zum Thema Mobilität der Zukunft.

Diesen spannenden Beitrag können Sie hier sehen:

AutorInnen: Dr. Andreas Zimmer, Isabell Kudobe

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