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01.07.2019

Reality Check – Können wir uns noch auf die Zukunft freuen? Ein Erfahrungsbericht vom Future Day 2019

Deutschland
„Wo haben wir zu naiv gedacht, wo zu wenig radikal – was lernen wir daraus? Und was ist zu tun, wenn wir die Zukunft erobern wollen?“ Das war das Motto des diesjährigen Future Days in Frankfurt. Am vergangenen Dienstag kamen über 800 zukunftsinteressierte Menschen aus aller Welt zusammen, um gemeinsam einen Blick in die Zukunft zu werfen. Kling vielversprechend, habe ich mir gedacht und mich auf den Weg nach Frankfurt gemacht - Ein Rückblick von Yasmin Henrich, Projektmanagerin Cluster Tourismus

Die Zukunft. Die sah mal so spannend aus, so verdammt cool und auch so praktisch. Fliegende Autos und Roboter, die alles im Haushalt erledigen, einmal in die Karibik beamen und am gleichen Tag wieder zurück. Oh man, und jetzt sieht die Zukunft auf einmal ganz anders aus: Strukturkrisen, Flüchtlingsströme, Artensterben, alles ist digitalisiert und die Karibik gibt’s nicht mehr. War die Zukunft früher wirklich besser? Oder war ich wirklich naiv, waren wir alle naiv?

Ich habe die Hoffnung diese Antworten beim Future Day zu finden. Jährlich lädt der Veranstalter, das Zukunftsinstitut in Frankfurt, hochkarätige Zukunftsexperten aus unterschiedlichsten Branchen ein. Sie sollen Einblicke in Lebens- und Arbeitswelten geben, denen man im alltäglichen Leben eher wenig begegnet. Der Sinn und Zweck dieses Future Days sei es, sagt das Zukunftsinstitut, ein Mind-Changer zu sein. Die Teilnehmenden sollen einen Blick in die Zukunft entwickeln, der nicht voller Angst und Furcht sein soll, sondern voller Tatendrang es besser zu machen. Ich bin gespannt, ob das bei mir funktioniert.

Ich schaue nach draußen, durch die verglaste Hausfront des Kap Europa. Ein neues futuristisches Gebäude im Europaviertel Frankfurt. Ein ganzer Bezirk, der in einem ehemaligen Arbeiterviertel, innerhalb weniger Jahre aus dem Boden gestampft wurde. Es passt schon, dass der Future Day hier stattfindet, aber bisher nimmt er mir damit nicht die Angst vor der Zukunft. Ich bin gespannt, ob ein paar der 15 Vorträge, die für diesen Tag geplant sind, daran was ändern werden.

Kommt sie nun, die totale Digitalisierung?

Los geht’s mit dem Themenblock #NextDigital. Die Speaker Matthias Horx, Evgeny Morozow, Prof. Dr. Sarah Spiekermann-Hoff und Samater Liban stellen sich die Fragen: Kommt sie nun, die totale Digitalisierung? Oder gibt es da einen Tipping-Point, einen Punkt, an dem das alles wieder in eine andere Richtung geht? Eins sei sicher, Mensch und Maschine, das Analoge und das Digitale gehen zukünftig ganz neue Beziehungen ein. Oh je, das klingt komisch oder? Es geht aber auch darum, dass wir als Menschen immer noch in einem Lernprozess mit der Technik sind, sozusagen ganz am Anfang einer Beziehung. Und dass es zukünftig viel darum gehen wird, wie diese Beziehung funktionieren kann. Es geht um Themen wie Digitale Ethik. Prof. Dr. Spiekermann Hoff fordert beispielsweise endlich ein Kennzeichen für digitale Services, das angibt, ob so ein Service süchtig machen kann oder wie hoch sein Wahrheitsgehalt ist. Eine solche Bewertung sei zukünftig dank künstlicher Intelligenzen möglich und könne uns endlich dabei helfen die schier endlos auf uns einprasselnden Informationen im Netz einzuordnen. Über Fake-News, manipulierte Meinungsmache im Netz durch sogenannte Bots, seltsame Wikipedia-Artikel aber auch gefälschte Google-Bewertungen würden dann in der Zukunft nur noch lachen.

Ein Pizzakarton Strom

Ein weiterer Hoffnungsträger ist das Hamburger StartUp Enyway, dass von Verena Junge vorgestellt wurde. Unter dem Motto „ein Pizzakarton Strom" hat sich das Hamburger Unternehmen der riesigen Herausforderung gestellt, die milliardenschwere Forderung von Ökostrom überflüssig zu machen und die viel zu langsam voranschreitende Energiewende grundlegend zu verändern. Wow, klingt erstmal utopisch, ist aber eine tolle Idee! Seit November letzten Jahres hat Enyway anfangen, große Solarfreiflächenanlagen zu bauen, an denen sich jeder von uns mit kleinen Beträgen beteiligen kann. Also können auch endlich all die in Solarenergie investieren, die kein eigenes Haus besitzen, auf das Sie Solarpannels packen können. Weitere Infos zu Enyways gibt’s HIER.

No agility no Innovation

In nächsten Themenblock geht es dann um #NextInnovation. Innovationen formen und gestalten unsere Zukunft, sie sind der Treibstoff für wirtschaftlichen Erfolg und Fortschritt. Der US Schauspieler und Life Coach Marc Aden Gray erzählt überzeugend, welche Innovationskultur heute notwendig ist, um wirklich innovativ sein zu können. Also wie müssen wir drauf sein, damit wir überhaupt neue Ideen hervorbringen und umsetzen können? Agilität, sagt er, ist der Schlüssel. Agil zu sein, heiße am Leben zu sein, flexibel, anpassungsfähig, offen und eben nicht nur sozialisiert und zivilisiert. Man müsse sich trauen neue Wege zu gehen und dafür auch mal gesellschaftliche Konventionen brechen. Wenn ich da an Steve Jobs, Elon Musk oder Greta Thunberg denke, muss ich ihm recht geben.

Der Tourismus von Morgen

Die nächste Rednerin bricht zwar nicht unbedingt gesellschaftlichen Konventionen ist aber in meinen Augen auch sehr innovativ unterwegs. Dr. Petra Stolbe, die Geschäftsführerin von Österreich Werbung berichtet in ihren Vortrag „Weiter Denken: Von Tradition zu Transformation“  von der Entwicklung des Tourismus in Österreich. Sie ist der Ansicht, dass das Reisen schon heute zu einem Grundbedürfnis vieler Mensch geworden sei. Dass diese Branche auch in Zukunft weiter wachsen und es nicht mehr so sehr darum gehen wird, tolle Orte und Erlebnisse zu bewerben, also Tourismusmarketing zu betreiben. Es gehe mehr darum, dass Tourismus schon heute richtig gemanaged werden muss. Das heißt, nachhaltigen Tourismus fördern, Besucherströme lenken, Overtourism vermeiden und die natürlichen Grundlagen des Tourismus wie gesunde Naturräume und das Wohlergehen der Bewohner solcher Orte zu schützen. Ein interessantes Interview mit Petra Stolpe gibt es HIER.

Mittagspause

Ziemlich viel Input! Ich bin fast schon überrumpelt von so vielen Informationen und wie die Zukunft angeblich aussehen wird. Deshalb bin ich froh, dass jetzt erstmal Mittagspause ist. Das Essen ist super, es gibt Sushi, Super-Bowls, Chia-Mangopuddings, vegane Aufstriche, alle gegenwärtigen Food-Trends vereint auf einer Veranstaltung, natürlich alles bio, viele regionale Produkte und so viel davon, dass nicht mal die doppelte Anzahl an Gästen alles aufessen könnte. Aus Hygienegründen muss aber alles weggeschmissen werden, was nicht gegessen wird, erklärt mir einer der Köche vor Ort, als ich Ihn frage, was mit den ganzen Resten passiert und ob er mir davon noch was einpacken kann. Schade…ich gehe in einen Nebenraum, in dem eine Ausstellung zum Thema: „Alternativen zu Plastik in der Lebensmittelindustrie läuft.“ Paradox finde ich das und habe das unangenehme Gefühl, dass es nur mir so geht.

Alle wollen die Welt verändern

Dann geht’s weiter in die nächste Runde. Es folgen noch 7 Vorträge zu den Themenbereichen #NextGrowth und #NextBusiness. Es geht um die Frage, wie Wirtschaften nach dem Wachstumswahn aussehen kann und ob Unternehmen in einer Postwachstumsgesellschaft überhaupt funktionieren können. Ich erfahre von Dr. Natalie Knapp was Netzwerkpsychologie ist und bin total beeindruckt Einsichten in eine Welt zu erhalten, die ich nicht kannte.

Dann kommt Rebecca Freitag auf die Bühne. Sie ist die UN Jugenddelegierte für Nachhaltige Entwicklung und hält einen Vortrag darüber, warum es für unsere Zukunft so wichtig ist, dass wir endlich anfangen die von den Vereinten Nationen festgelegten Nachhaltigkeitsziele, die Sustainable Develepement Goals, ernst zu nehmen. Warum Themen wie Klimaschutz und ein nachhaltiger Umgang mit unseren endlichen Ressourcen endlich radikaler angegangen werden müssen. Ihre Rede ist mitreißend und als Sie sagt: „Wenn Euch die Zukunft eurer Enkelkinder am Herzen liegt, dann handelt endlich“ klatschen alle und es gibt Standing-Ovations. Und nebenan werden die ganzen Lebensmittel vom Mittagessen weggeschmissen. Ich kann an nichts anderes denken. Das ärgert mich. Und es lässt ein bisschen Angst vor der Zukunft zurück.

Dennoch muss ich sagen, haben die vielen inspirierenden Vorträge, die mutigen Macher und Zukunftsgestalter auf dem Future Day mir gezeigt, dass die Zukunft weiter spannend bleibt und es da wirklich viele Leute voller Tatendrang gibt, die Dinge besser zu machen.

Matthias Horx, der Günder des Zukunftsinstitutes sagt: "Es war noch nie so einfach wie heute die Welt zu verändern und Einfluss zu nehmen." Und das stimmt. Wir können alle einen Beitrag dazu leisten, eine lebenswerte Zukunft zu gestalten. Ob es bei der Wahl unserer Bank ist, welchen Stromanbieter wir nutzen oder bei der Art wie wir verreisen und welche Reisen wir anbieten. Alle diese Entscheidungen und Taten werden darüber entscheiden, ob wir Angst vor der Zukunft haben müssen oder ob wir uns auf die Zukunft freuen können.

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Der Future Day wird seit 2000 jährlich vom Zukunftsinstitut Frankfurt durchgeführt. Das Zukunftsinstitut zählt zu den wichtigsten Think-Tanks der Trend- & Zukunftsforschung. Es wurde 1998 gegründet geht seitdem in seiner Arbeit der Frage nach, welche Veränderungen – welche Trends und Megatrends– unsere Gegenwart prägen und welche Rückschlüsse sich daraus für die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft ziehen lassen. Viele Trends und Themen, die auch großen Einfluss auf die Entwicklung des Tourismus haben, finden Sie auf der Homepage und den Studien des Zukunftsinstitut. In Kürze finden Sie hier auch die Links zu den aufgezeichneten Vorträgen. 
 

 

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Yasmin Henrich

Projektmanagerin Cluster Tourismus

TMB Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH

0331-298 73-572 Yasmin.Henrich@reiseland-brandenburg.de