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17.05.2019

Rückblick: Nationaler Radverkehrskongress in Dresden (13./14.Mai 2019)

„Weiterdenken“ war das vom Bundesverkehrsministerium (BMVI) selbstgewählte Motto des Kongresses. Hier wurde der Startschuss für den neuen „Nationalen Radverkehrsplan 2030“ gegeben. Und wenn die (Rad)Touristiker sich stark machen, wird der mehr mit Tourismus zu tun haben als in der Vergangenheit. Ein persönliches Fazit von Dirk Wetzel, Teamleiter Themen- und Markenmanagement bei der TMB Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH.

Ein Blick auf die Teilnehmerliste des Kongresses zeigt: Tourismusvertreter sind noch zu wenige dabei, um das Thema Radtourismus in den Planungen des Bundes fest zu verankern. Genau hier liegt auch der Reiz: sich mit Menschen auszutauschen, die beispielsweise Radverkehrsplanungen in den Kommunen und Ländern oder Radschnellwege vorantreiben, sich mit der Vernetzung von Verkehrsmitteln beschäftigen, die mit klugen Ideen Start-Ups gründen und die Radszene aufmischen.

Der neue Radverkehrsplan 2030

Ich hatte seit Jahren das erste Mal das Gefühl, dass ein Bundesverkehrsminister sich konkrete Ziele für den Radverkehr setzt. Diese acht Leitziele hat das BMVI auf dem Kongress vorgestellt und ruft zur Online-Beteiligung auf, die wir und Akteure im Land Brandenburg auch kräftig nutzen sollten! Einige der Ziele sind prädestiniert für uns Touristiker:

  • Lückenloser Radverkehr in Deutschland: Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit dem Auto auf der Landstraße und die endet plötzlich an einem Bordstein. Das kann auf einem Radweg schon passieren. Deswegen ist das Denken in Radnetzen enorm wichtig. Auch wir Touristiker haben oft nur in „Linien“ (Radfernwege) gedacht. Das Netzdenken und die dazugehörige, zeitgemäße Infrastruktur werden noch wichtiger in Zukunft. Und deswegen müssen wir Touristiker uns auch verstärkt mit Verkehrsplanern, Mobilitätsexperten, Wissenschaft und Dienstleistern auseinandersetzen, denn diese sind alle an einem Netz beteiligt. Eine große Chance dazu gibt es auf dem Brandenburgischen Tourismustag im August 2019!
  • Deutschland wird Fahrradstandort: Der (Rad)Tourismus hat in der Vergangenheit schon eine Menge dafür getan, dass Deutschland auch als Fahrradland wahrgenommen wird. Eine derartige touristische Radinfrastruktur, insbesondere im ländlichen Raum, findet man nur in weniger Ländern. Inklusive (meist) professionellen Betreiberstrukturen. Und Brandenburg? Man schaue nur mal auf den „Radwegeknäuel“ auf der Deutschland-Radkarte des ADFC…
  • Radverkehr erobert Stadt und Land: Unter anderem die Radverkehrsanalyse Brandenburg und auch andere Studien haben den Nachweis bereits geführt: eine Teilung des Radnetzes in Alltagsradverkehr und touristischen Radverkehr gibt es in der Realität nicht, sondern meist nur in Ressort- und Budgetzuschnitten. Geschaffene touristische Infrastrukturen schaffen auch Lebensqualität für Einwohner, sind ein aus Brandenburg nicht mehr wegzudenkender Standortfaktor und die Pflege dieser Infrastruktur sollte eine Pflichtaufgabe sein, wie die Pflege aller anderen Basisinfrastrukturen. Übrigens: Unter anderem hat die ADFC-Radreiseanalyse ergeben, dass gute touristische Radprodukte oft der Einstieg sind in eine Alltagsnutzung des Rades. Wer den Spaß am Radfahren im Urlaub entdeckt, fährt auch zu Hause häufiger.

Mein Fazit aus dem Kongress für den Brandenburger Radtourismus

Bisweilen waren mir die Kommentare zu martialisch (beispielsweise, wenn es um „Verteilungskämpfe“ im öffentlichen Raum geht). Imponiert hat mir, was Birgitte Bundesen Svarre von Gehl Architects aus Kopenhagen gesagt hat: Wir sollten nicht in Infrastrukturen denken, sondern vom Menschen aus. Der Hauptgrund, warum 41 % (!) der Menschen in der dänischen Hauptstadt das Rad nutzen ist: es ist der einfachste, bequemste und schnellste Weg, sich zu bewegen. Es macht einfach Spaß! Und darum sollte es in erster Linie gehen. Auch, um Urlauber und Tagesgäste von radtouristischen Angeboten bei uns zu überzeugen:

  • Der Radmarkt ist nicht gesättigt: Es fahren immer mehr Menschen Rad und die Zahl der Räder in Deutschland wächst. Das sind auch Ergebnisse der Studie „Mobilität in Deutschland“ (MID). Auch dank technischer Neuerungen, wie verbesserte Federungen, den elektrischen Antrieb etc. trauen sich immer mehr Ältere (wieder) aufs Rad.
  • Der Wettbewerbsdruck steigt für Brandenburg: Mal von der Tatsache abgesehen, dass die Zahl der Radfernwege durch EU-Förderprojekte immer noch steigt (und nach Projektende oft nicht klar ist, wer den kompletten Weg eigentlich betreibt), wird durch die Elektrifizierung und Digitalisierung ein weiterer Trend vorangetrieben: Früher fuhr man am besten durch bergige Regionen entlang von Flussradwegen. Jetzt erobern sich die E-Bike-Fahrer auch die Gegend darum und es kommen Raddestinationen, wie etwa das Erzgebirge dazu, die vor 10 Jahren nicht im Traum daran gedacht haben, dass Radtourismus eine Rolle spielen wird. Die Angebotspalette und die Radien werden größer. Die flache Topographie Brandenburgs war mal ein Vorteil oder zusätzliches Argument um hier Rad zu fahren. Das gilt nicht mehr, und Kommunen, Touristiker, Unternehmer und andere Akteure müssen die Brandenburger Angebote weiter qualifizieren und verbessern - wir alle müssen uns strecken, es gibt auch im Radtourismus einen „Produktlebenszyklus“!
  • ÖPNV und Rad gehören zusammen: Ein wachsender Radverkehrsanteil befördert auch oft wachsende Passagierzahlen im ÖPNV. Deswegen muss beides zusammen gedacht werden. Projekte wie „Rad im Regio“ gehen in die richtige Richtung. Ergänzend zum ÖPNV dehnen sich auch Fahrradverleihsysteme allmählich aus Metropolen ins Umland aus. So hat die Münchner Verkehrsgesellschaft 162 Verleihstationen in 21 Gemeinden eröffnet. Diese Entwicklung ist aber noch jung und es gilt sie zu beobachten. Für mich ist der Nachweis noch nicht angetreten, dass diese mehr Leute aufs Rad bringen (88% der Münchner nutzen das System „nie bzw. fast nie“). Radverleihsysteme sollen den ÖPNV auch entlasten und ergänzen. Idealerweise ist auch nicht nur ein Radtypus zu finden, sondern Pedelecs, Trikes oder Lastenräder sollten das Sortiment ergänzen.
  • Touristische Radwegenetze können ein Katalysator für den Radverkehr in einer Region sein: Dafür hat die Metropole Ruhr den Deutschen Fahrradpreis 2019 gewonnen. Ein schönes Beispiel dafür, wie aus einem eher touristisch geprägten Netz Weiteres entwickelt wird. Und das in einem Raum, indem 5 Mio. Einwohner leben und es 50 Kommunen zu koordinieren gilt! Übrigens: Die o.g. MID zeigt auf, dass die durchschnittlichen Reichweiten pro Fahrt mit dem E-Bike doppelt so lang sind, als mit herkömmlichen Rädern. Experten sagen, dass hier im ländlichen Raum noch große Potentiale schlummern bei Pendlern. Und das touristische Radroutennetz in Brandenburg wird immer enger geknüpft. Warum nicht diese beiden guten Voraussetzungen zusammenbringen? Ergänzt durch eine gute Infrastruktur an Schnittstellen zum Schienenverkehr oder „Mobility Hubs“ könnten sowohl Radverkehrs- als auch ÖV-Anteil noch steigen.
  • Touristisches Radroutennetz in Open Street Map (OSM) aktuell halten: Thomas Froitzheim, ausgewiesener Navigationsexperte im Radbereich, berichtete von seinen Erfahrungen. Etwa von touristischen Marketingorganisationen heruntergeladenen GPS-Tracks von Routen, die auf dem Rechner aussehen wie Wollknäuel. Also bitte selbst erst probieren, bevor man es den Nutzern anbietet. Viele Routingportale wie komoot beziehen Daten aus OSM, weil sie nicht hunderte Schnittstellen zu den Tourenportalen der regionalen oder Landestourismusorganisationen bauen können. Die im Brandenburger DAMAS-System enthaltenen Radwege werden durch die TMB auf OSM aktuell gehalten.
  • Infrastruktur-Ausbau und Modernisierung enden nie: Die Zielgruppen im Radtourismus verändern und differenzieren sich. Und deswegen darf die Entwicklung der Infrastruktur nicht stehenbleiben. Regioradler brauchen andere Voraussetzungen als Radurlauber usw. Ein „abgeschlossenes“ Radwegenetz bleibt eine Utopie. Es muss sich immer mehr an den angesprochenen Segmenten ausrichten, wie Tilman Sobek von absolutGPS eindrucksvoll schilderte.

Ich freue mich, mit Interessierten diese Punkte zu besprechen und zu diskutieren! Wir und andere Akteure im Radtourismus in Deutschland wollen uns aktiv einbringen und planen derzeit auch einen Projektantrag beim BMVI. Mehr dazu bald im Tourismusnetzwerk Brandenburg…

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Dirk Wetzel

Teamleiter Marken- und Themenmanagement/ Markenmanagement für Prignitz & Ruppiner Seenland

TMB Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH

0331-29873-789 dirk.wetzel@reiseland-brandenburg.de