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13.02.2020

Rückblick und Ausblick | Nahverkehr und Tourismus in Brandenburg

Land Brandenburg
Im vergangenen Jahr stand insbesondere das Thema Mobilität auf zahlreichen Veranstaltungen des brandenburgischen Tourismus im Fokus. Im Folgenden erhalten Sie einen Einblick in Erfahrungswerte eingeladener Experten und Praktiker der Konferenz Nahverkehr und Tourismus, Ende vergangenen Jahres sowie einen Ausblick auf Chancen und Impulse möglicher Lösungswege zur Deckung zukünftiger Mobilitäts- und Infrastrukturbedarfe.

Unter dem Motto „Gemeinsam zu Lösungen. Durch Co-Kreation Mobilität und Infrastruktur gestalten“ ermutigten die Praktiker auf der Konferenz Nahverkehr und Tourismus* zu mehr Zusammenarbeit von öffentlichen und privaten Akteuren um Mobilität und Infrastruktur aufrecht zu erhalten und noch besser miteinander zu verknüpfen. Der Erfahrungseinblick, sowohl regionaler als auch überregionaler erfolgreich umgesetzter Projekte, zeigt: Wo ein (gemeinsames) Ziel ist, da ist ein (gemeinsamer) Weg.

* in Kooperation mit dem Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung (MIL), dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg GmbH (VBB), der Industrie- und Handelskammern (IHK) des Landes Brandenburg und das Clustermanagement Tourismus der Tpurismus-Marketing Brandenburg GmbH (TMB).

Infrastruktur- und Mobilitätssysteme werden immer komplexer. Einerseits treten mit Sharingangeboten, Verleihsystemen und anderen privaten Anbieter neue Akteure auf den Plan, andererseits ist es eine Herausforderung gerade im ländlichen Raum öffentliche Verkehre aufrecht zu erhalten und leer stehende Bahnhofsgebäude, die als Anknüpfungspunkt der letzten Meile dienen, zu revitalisieren.

Immer öfter arbeiten deshalb private und öffentliche Akteure Hand in Hand. Für die Kommunen und Landkreise bedeutet das, eine neue Rolle zu übernehmen. Statt alleiniger Verantwortlichkeit, ist man nun auch Partner und Moderator von gemeinsamen Aktivitäten in geteilter Zuständigkeit.

Jens Werthwein, Geschäftsführer Wirtschaft der IHK Potsdam

Sehen Sie sich die Begrüßung hier nochmal an.

Herr Werthwein führte bereits in der Begrüßung der Konferenz auf: "Mit der Veranstaltung wollen wir Gedanken anregen, gute Beispiele zeigen, Impulse setzen, um gemeinsam an innovativen Mobilitätslösungen weiter zu arbeiten und neue Ideen zu erproben und umzusetzen."

Es sei nicht überall selbstverständlich, dass zwischen den Bereichen, also touristischen Leistungsträgern, Mobilitätsanbietern, Politik und Verwaltung, gemeinsam gestaltet und bewegt werden würde. Der Schlüssel für den Erfolg, um Dinge gemeinsam auf den Weg zu bringen und attraktive Angebote zu schaffen, sei die Zusammenarbeit. Attraktiver Nahverkehr müsse sowohl die Gäste als auch die Fachkräfte in den touristischen Betrieben im Blick haben, damit die touristischen Betriebe jederzeit erreicht werden können. Die Tourismuswirtschaft im Land boome weiter und stelle eine der wichtigsten Branchen dar. Dazu gehöre ein dichtes Nahverkehrsnetz bis weit in die Fläche die private und öffentliche Angebote verbindet.

Auch sei ein Wandel im Mobilitätsverhalten erkennbar. In Städten verzichten immer mehr Menschen auf ein eigenes Auto was eine rasante Ausbreitung neuer Mobilitätsformen (E-Scooter, Leihfahrräder) zur Folge habe. Zudem zeige sich auch im Wandel zur Digitalisierung, dass digitale Angebote möglichst aus einer App heraus existieren sollen. In berlinfernen Regionen bliebe das Auto aber für Gäste als auch Einheimische noch das erste Mittel der Wahl.

Ein Appell ginge daher an den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Wenn dieser eine echte Alternative sein will, müsse er sich auf die spezifischen Bedürfnisse einstellen und wandeln. Vor allem brauche es Mobility Hubs für die letzte Meile, Orte an denen sich die Dinge verbinden ließen, welches oftmals die Bahnhöfe seien.

Wie es in Brandenburg weitergehe beleuchtete Herr Werthwein anhand des kürzlich vorliegenden neuen Koalitionsvertrages in dem reichlich über Nahverkehr, ÖPNV und Tourismus enthalten sei. Positiv gesehen und erkennbar ist, dass den Themen hohe Bedeutung zugemessen wird und es sehr wichtig sei dass weiterhin in diese Bereiche investiert würde. Dass diesen Absichten eine sehr ambitionierte Umsetzung folgen wird, rücke ins Blickfeld der IHK. Für die Unternehmen spiele Planungssicherheit eine wichtige Rolle. "Wir brauchen die zunehmende Kooperationen zwischen Wirtschaft und Politik".

Kathrin Schneider, zum Zeitpunkt der Konferenz Ministerin für Infrastruktur und Landesplanung

Sehen Sie sich die Rede hier nochmal an.

Frau Schneider erfreute sich über die zur Tradition gewordenen Veranstaltung, wo der Tourismus sich mit dem Nahverkehr trifft und viele Akteure zusammenbringt. Es gäbe eine ganze Reihe guter Ansätze die in den letzten Jahren auf den Weg gebracht wurden. Man müsse jedoch immer bei den Strukturen anfangen wo nach wie vor der Landesentwicklungsplan aber auch die Mobilitätsstrategie 2030 und der daraus entstandende Nahverkehrsplan das Grundgerüst für die Entwicklung vorgibt.

Es sei gelungen wichtige Punkte im Koaltionsvertrag mit den Beteiligten zu verankern. Ein wunderbares Beispiel der Kooperation vor Ort ist die Umsetzung des geplanten Projekts i2030. Damit ist es gelungen eine gemeinsame Handlungsbasis zu schaffen um die Umsetzung voranzubringen. Das Projekt i2030, der Ausbau des PlusBus-Systems sowie die Kompetenzstelle Bahnhof beim VBB wurden dabei als Maßnahmen benannt, die aus den zuletzt geführten Debatten abgeleitet und umgesetzt wurden.

Dennoch müsse die Finanzierung auf solide Beine gestellt werden. Und die Möglichkeiten waren noch nie so gut wie jetzt. Mit den Zielstellungen im Koaltionsvetrag habe man eine klare Ausrichtung dass die Regionalisierungsmittel für den Schienenpersonennahverkehr (SPNV) eingestezt werden sollen. Damit aber auch die Buslinien nicht zu kurz kommen, werden Landesmittel eingesetzt werden müssen. Das Angebot der PlusBuslinien soll sich verdoppeln und Straßenbahnen weiter Unterstützung finden. Dafür sollen die Mittel für die Kommunen nach dem ÖPNV-Gesetz, die nicht für Investitionen eingesetzt werden, dynamisiert werden.

Gute Signale an die Länder und an die kommunale Familie kamen auch vom Bund. Der Bund werde, aufgrund des Klimaschutzpakets, zusätzlich mehr Regionalisierungsmittel reingeben. Besonders durch die Aufstockung der Bundesfinanzhilfen des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes, seien bessere Bedingungen gegeben um zu erweitern und aufzuwerten, sodass zum Beispiel auch Bahnhöfe und Bahnhofsumfelder als Fördergegenstände zukünftig Berücksichtigung finden.

Es hat sich aus dem Erfahrungswert der Kompetenzstelle Bahnhof gezeigt, dass eine sogenannnte Bündelungsstelle einen Schub gegeben hat. Auch das soll bei der Alternativen Mobilität passieren, sodass eine Kompetenzstelle für Alternative Mobilitätsangebote im VBB geplant sei.

Über allem Querschnitt stehe auch immer die Digitalisierung, die als „Schmiermittel“ für die Zielerreichung der Vorhaben diene. So heißt es im Koalitionsvertrag (S.12): „Wir nutzen die Möglichkeiten der Digitalisierung für die bessere Verknüpfung der Verkehrsträger. Die Fahrgäste sollen noch umfassender auf Echtzeitinformationen zu Verbindungen, Tickets und Serviceangeboten zugreifen können. Wir werden für ein WLAN Angebot in allen Zügen sorgen.“

Herausforderungen sind groß in einem Flächenland wie Brandenburg aber die Chancen seien größer. Motivierend beendet Frau Schneider Ihre Rede mit den Worten: „Haben Sie Mut diese Chancen zu nutzen. Die Vorträge zeigen Möglichkeiten wie Umsetzungen in Partnerschaft und Kooperation gelingen kann".

Ulrike Stahl, Keynote Speakerin und Kopperationsexpertin | Erfolgsfaktor Kooperation

Den Vortrag können Sie sich hier auch als Video anschauen.

Aus Frau Stahls Sicht sind erfolgreiche Kooperationen kein Nice-to-have mehr sondern ein Muss. Doch bringe Kooperation wirklich einen effektiven Mehrwert und sei man alleine nicht flexibler und unabhängiger? Möglicherweise. Aufgrund des notwendigen und noch dazu neben dem Tagesgeschäft anfallenden Aufwands um eine Kooperation in „Gang“ zu bringen, existiert bei vielen auch immer noch eine gewisse Skepsis und Scheu.

Heute sei man aber eben allein auch kaum mehr in der Lage oder schnell genug, die komplexen Herausforderungen von Heute zu lösen. Sich ändernde Bedingungen wie der Fachkräftemangel, der demografische Wandel und auch völlig neue Produkte und Services und dementsprechende Erwartungen, fordern hohe Investitionen und außerordentliche Innovationskraft. Ein Akteur allein könne die hohe Komplexität der Anforderungen an infrastruktureller Entwicklung, insbesondere in den ländlichen Regionen, schwieriger bewerkstelligen oder die Kosten tragen.

Die Pluspunkte der Zusammenarbeit lägen daher auf der Hand:

Kooperation eröffne neue Spielräume. Komplexe Aufgaben würden in kürzester Zeit kollaborativ, organisationsübergreifend gelöst. Kokreativ entstünden zukunftsweisende Innovationen.

Ulrike Stahl bekräftigt: „Gemeinsam können wir Synergien nutzen, Ressourcen schonen, Expertenwissen vernetzen und so besser weiterkommen als alleine. Gemeinsam sind wir schnell, intelligent und innovativ – also einfach stärker.“

Mit dem Erfolgsfaktor Kooperation, ist sie der Meinung, werde man Nahverkehr, Infrastruktur und Mobilität gemeinsam gestalten können. Der Aufwand in Kooperation zu gehen, lohne sich dementsprechend sehr.

Am Ende stünden drei Dinge die uns davon abhielten Kooperationen einzugehen:

  1. Zu beschäftigt: Die Arbeit steht uns bis oben hin. Das muss Zeit haben.
  2. Zu bequem: Wir wissen wie es bei uns läuft und wenn wir etwas neues versuchen, müssen wir uns auf etwas anderes einstellen. Dieses Risiko wollen wir nicht in Kauf nehmen. Wir bleiben lieber bei dem was wir haben. Getreu dem Motto: Never stop a running System.
  3. Zu blauäugig: Kooperation ist nur eine Welle, wir sind bis hierhin allein gekommen, dann schaffen wir es auch weiter.

Entsprechend erläutert sie auch die sogenannten Ko-Intelligenz-Treiber die den „Treibstoff für gelungene Kooperation liefern.“

Nach Gemeinsamkeiten suchen!

Durch die Kraft der Gemeinsamkeiten werden automatisch Verbindungen geschaffen unterdessen sich mehr Wertschätzung für den anderen entwickele. Andersartigkeit irritiere uns, sodass es an Wertschätzung und Respekt fehle, der nötig wäre um mit der Person umzugehen. Sobald Gemeinsamkeiten festgestellt werden, versetze das dann in die Lage diese Unterschiedlichkeit zu nutzen und wertzuschätzen. Kooperation sei dann besonders bereichernd wenn unterschiedliche Vorgehensweisen, Persönlichkeiten und Expertisen zusammenkämen. Deshalb solle man in Kontakt und "Rein" ins Miteinander gehen, auch wenn es oft eine kleine Überwindung brauche.

Als Tipp für Verhandlungen gibt sie noch mit: Am Anfang mehr Zeit in den Austausch von persönlichen Informationen zu investieren. Dies verdoppele nachgewiesenermaßen die Wahrscheinlichkeit ein passendes Ergebnis für alle Seiten zu erzielen. Durch den Informationsaustausch entstehe eine bessere Vertrauensbasis. Vertrauen entstehe indem wir uns austauschen. Nicht nur über das was man erreichen wolle sondern auch darüber was einen antreibe, wovon man träume und was einem wichtig sei.

Fazit: „Kooperationen erfordern Vertrauen und das erfordert das wir miteinander reden. Es ist nicht getan zu starten. Man muss weiter investieren.“

Mobilitätsstationen auch bekannt als Mobility Hubs

Daniel Goldmann, Projektmanager im Team Verkehr, Mobilität, Logistik, Wirtschaftsförderung Land Brandenburg GmbH (WFBB) gab einen Einblick in das Thema Mobilitätsstationen auch unter dem Begriff „Mobility Hubs“ bekannt. Diese schaffen die Voraussetzung für eine nahtlose und intelligente Verknüpfung von verschiedenen Verkehrsmitteln innerhalb einer Reisekette (intermodales Verkehrsverhalten) und können die vermehrte Nutzung von öffentlichen, klimafreundlichen Alternativen fördern – weg vom Individualverkehr innerhalb einer Reisekette, ausschließlich nur mit dem eigenen PKW. Die Ziele liegen somit auf der Hand: reduzierter motorisierter Individualverkehr und erfülle Nachhaltigkeitskriterien in ökologischer, ökonomischer als auch sozialer Hinsicht (Aufwertung des Ortes, Sicherstellung der Daseinsvorsorge).

Sehen Sie sich diesen Vortrag hier gerne nochmal an!

Die Austattungsbestandteile solch einer Station sind vielfältig. Diese reichen von einer kleinen Station die mindestens zwei Verkehrsangebote wie beispielsweise eine Busstation und ein Carsharing verknüpft oder eine Fahrardabstellanlage bzw. ein Fahrradverleihsystem enthält, bishin zu einer Ausweitung der Bestandteile auf die Verknüpfung von zusätzlichen Verkehrsangeboten (Straßenbahn, Regionalzug usw.) ergänzend mit umfangreicherer sonstiger Ausstattung wie öffentlicher WC-Anlage, Ladestationen für E-PKW, Packstationen, Aufenthaltsraum, WLAN und digitalem Servicepunkt. Jedoch differieren die Rahmenbedingungen zur Umsetzung zwischen urbanen und ländlichen Räumen.

Eine solche Station müsse dann besonders gut sichtbar und zugänglich sein weshalb es auch häufig die Regel ist, dass diese in eine Bahnhofslage integriert sei.

Eine Möglichkeit wäre es bereits bestehende Stationen durch vorhandene Mobilitätsangebote, mit beispielsweise einem Fokus auf Tourismus, zu ergänzen. Im Idealfall seien diese auch Bestandteil eines kommunalen Mobilitätsmanagement.

Als regionales Beispiel für Mobilitätsstationen, die sich derzeit allerdings noch eher im urbanen Raum entwickeln, führte Goldmann das Fahrradparkhaus am Bahnhof Oranienburg auf, welches über die reinen Abstellplätze für Fahrräder hinaus auch Gepäckschließfächer, Lademöglichkeiten für Elektrofahrräder, eine Luftpumpstation und einem öffentlichen WC enthält.

Als überregionales Beispiel kann die Stadt Kiel genannt werden. Diese leitete bestimmte Maßnahmen aus den gesetzten Unterzielen des Verkehrsentwicklungsplans ab und formulierte so ein Umsetzungskonzept für Mobilitätsstationen um den Bedarf für attraktive Mobilitätsalternativen zu decken.

Denn man möchte die Abhängigkeit vom privaten PKW - und damit von dessen Besitz reduzieren. „Um diese neuen Formen der Mobilität zu ermöglichen, sind nicht nur die einzelnen Angebote vorzuhalten, sondern auch deren kombinierte Nutzung so einfach wie möglich zu gestalten. Dieses Ziel sollen Mobilitätsstationen (MS) unterstützen.“

Bar-Share | Carsharing für den Landkreis Barnim

Wir berichteten bereits im September 2019 über das neue Mobilitätsangebot im Barnim, welches durch die Kreiswerke Barnim GmbH verantwortet wird.

Auch hier geht es weiter voran. Saskia Schartow, Projektleiterin Kreiswerke Barnim GmbH, beschreibt: „Unsere Vision war es, auf Grundlage der Null-Emissionsstrategie ein neues Mobilitätsangebot im ländlichen Raum zu schaffen, welches auf dem Teilen-statt- Besitzen-Prinzips des neuen Economy Verständnisses aufbaut und Verwaltungen, Unternehmen sowie Bürgern zugänglich ist.“

Dieses ressourcenschonende Prinzip erfährt durch die neuen Kommunikationstechnologien über die sozialen Medien, Mobiltelefonie und Co. einen Aufschwung und lohnt sich in vielerlei Hinsicht:

Die Reduzierung der PKW´s in den Orten und damit die Entlastung der Parkräume sowie die Erhöhung der regionalen Wertschöpfung durch die Zusammenarbeit mit lokalen Autohäusern, die die Wartungen, Reparaturen und den Service durchführen, sind als beispielhafte Vorteile zu sehen.

„Unsere Fahrzeuge“, so heißt es „stehen nicht nur privaten Nutzern zur Verfügung, sondern auch Verwaltungen und Unternehmen, die auf eine eigene Dienstwagenflotte verzichten können und wollen“. BARshare hat den Anspruch, seinen Fahrzeugpool bestmöglich auszulasten und gleichzeitig verschiedene Mobilitätsbedürfnisse zu erfüllen.

Nach erfolgreicher Testphase im April 2019 startete die Kreisverwaltung des Landkreis Barnim als erster Hauptnutzer „BARshare“ mit 17 E-Autos und 2 Lastenrädern. Da die Auslastung der Flotte nur zu bestimmten Zeiten gegeben ist, können auf der anderen Seite die Bürger die Autos als Mitnutzer in den übrigen Zeiten buchen.

Nils Kramer |  Kompetenzstelle Bahnhof beim Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg GmbH (VBB) | Revitalisierung von Bahnhöfen

Sehen Sie sich diesen Vortrag gerne nochmal hier an!

Die Kompetenzstelle Bahnhof im Land Brandenburg soll die Reaktivierung von Bahnhofsgebäuden – als Teil unseres historischen Kulturgutes – unterstützen und für ungenutzte Bahnhofsgebäude an betriebenen SPNV-Stationen eine Nachnutzung initiieren.

Herr Kramer ist einer der zwei Projektmanager der Kompetenzstelle Bahnhof im VBB. Er berichtete über die konkreten Aufgaben laut Landesnahverkehrsplan 2018 und gibt Einblick in die bisherige Entwicklung alter Bahnhofsgebäude, die durch Sanierung und Neunutzungskonzepte mittels engagierter Unternehmer*innen, wie beispielsweise Bäcker Karl-Dietmar Plentz beim Bahnhofsgebäude in Velten, mittlerweile wieder einen Mehrwert für Gäste und eine größere Lebensqualität im Ort für die Einwohner hervorbringen.

Der Status Quo der 250 Bahnhofsgebäuden an 342 betriebenen SPNV-Stationen im Land zeigt auf dass noch bei der Mehrheit (54 %) dieser, Handlungsbedarf besteht.

Übersicht der Aufgaben der Kompetenzstelle Bahnhof:

  • Kontaktvermittlung zu potentiellen Beteiligten (Eisenbahninfrastrukturunternehmen, Eigentümer, Verwertungsgesellschaften, Eisenbahnbundesamt, Planungsbüros, Kommunale Gebietskörperschaften und Ansprechpartner deren Verwaltung sowie die lokale Wirtschaft)
  • Überblick über Fördermöglichkeiten geben (Konzept, Ausbau, Betreibung)
  • Das Aufzeigen von Nutzungskonzepten: Übersicht zu Best Practice-Beispielen im Land Brandenburg und aus anderen Regionen
  • Informationen und fachliche Begleitung zu Grunderwerb, Baurecht und Freistellungsverfahren von Bahnflächen geben - Begleitung der Umsetzung (u.a. Unterstützung bei der Akquisition von Fördermitteln, Abstimmung mit Behörden)

Damit sollen auch die noch verbliebenen ungenutzten Empfangsgebäude einer neuen Nutzung zugeführt werden, bzw. nicht mehr benötigte und verwertbare Anlagen zum Abriss frei gegeben werden.

Stephan Wilhelm, Geschäftsführer Agentur BahnStadt GbR | Bahnhöfe als Gemeinschaftsaufgabe entwickeln –  Wie geht das?

Hier gelangen Sie direkt zum Video.

Die Agentur BahnStadt GbR fokussiert sich auf die Entwicklung von Bahnhöfen sowie deren Umfelder. Denn Bahnhöfe seien Schnittstellen des Verkehrs bei deren Planung es auf Übersichtlichkeit, kurze Wege, Witterungsschutz und Barrierefreiheit ankommt. Und zugleich sei ein Bahnhof ein Ort der lokalen Baukultur und der Identifikation.

Das Spektrum der Tätigkeiten der Agentur reiche von Machbarkeitsstudien bis zur technischen Objektplanung, von der Projektsteuerung über die Fördermittelakquisition bis zum Qualitätsmanagement an Bahnstationen. Aktuelle Projekte sind unter anderem das Bahnhofsprogramm Sachsen-Anhalt, das Bike+Ride-Programm Schleswig-Holstein sowie die fachliche Beratung der VBB-Kompetenzstelle Bahnhof.

Herr Wilhelm zeigt auf, welche Trends und Chancen für Bahnhöfe und deren Umfelder bestehen:

Trend Nr. 1 

Es werden kaum noch Fahrkarten am Schalter gekauft. Stichwort „Digitales Ticketing“. Wie schafft man es den Erwartungen der Reisenden zu entsprechen und nutzenstiftende Funktionen für einen Reisestart sicherzustellen wie zum Beispiel sich beraten zu lassen, vernünftig warten zu können, WLAN und WC vorzufinden. Diese Funktionen müssen überführt werden in ein Geschäftsmodell was zukunftsfähig ist. Es funktioniere nicht mehr allein mit der Umsatzprovision von Fahrkartenverkauf durch Personal wirtschaftlich und ansprechend zu sein. Er sagt vorraus dass es ein solches Modell aus seiner Sicht in der Form nicht mehr geben werde.

Die Agentur ist bereits mit dem VBB dabei Sevice- und Vertriebskonzepte zu entwickeln. In Sachsen-Anhalt gäbe es diese Form bereits. Dort gibt es Servicestationen die über die Verkehrsverträge mitfinanziert sind und in denen bestimmte Standards erfüllt werden müssen. Was den Verkauf von Tickets, Beratung von Kunden, Bereitstellung eines barrierefreien Wartebereichs mit WLAN betrifft. Wenn diese attraktive Grundvoraussetzung erstmal geschaffen ist, würden andere Gewerbe angelockt. An dieser Stelle verweist er auf einen Auszug des aktuellen Koaltionsvertrages: „Wir unterstützen den Ausbau von Bahnhöfen und Bahnhofsumfeldern zu modernen Mobilitätszentralen“.

Trend Nr. 2

Schlagwort Co-Working: Ein vermehrter Austausch in solchen als  Kreativumgebungen kennzeichnenden Orten, bei dem vor allem auch ein gastronomisches Angebot genutzt wird, wird vermehrt stattfinden. Man erkenne den interessanten Trend vor allem für das Berliner Umland. Dadurch das hier die Verkehrsfunktion von Bahnhöfen strategisch sinnvoll und durch eine gute Vernetzung und Erreichbarkeit geprägt sei. Diese  seien für Gründer, Kreative, Unternehmer und auch Arbeitnehmer (im Homeoffice) die vor Ort aktiv sein wollen eine gute Start- und Vernetzungsbasis und auch die Zahlungsbereitschaft sei vorhanden. Derzeit werde mit Co-Working Betreibern, dem VBB und der WFBB die Potentiale von Co-Working-Spaces in konkreten Bahnhofsgebäuden bei denen gute Rahmenbedingungen existieren, beispielsweise die Eigentümerstruktur geklärt sei und eine gute Erreichbarkeit aus den Ballungsräumen gegeben ist, beleuchtet. Drei Pilotstandorte sind dabei geplant. Auch dafür hat die Koalition Unterstützung in Form eines neuen Förderprogramms zum Aufbau von Co-Working-Spaces versprochen.

Auch für schwierigere Bahnhofsstationen, die wenige Fahrgastzahlen aufweisen, werde man Strategien finden um eine Belebung beizuführen. Der Schienenverkehr der angeschlossen ist, sei oft sehr gut, allerdings seien die Bahnhofsgebäude und deren Umfeld nicht attraktiv. Funktionen die man sich dafür vorstellen könne sind Mietwagenstationen, Dorfläden, Kulturzentren.

Trend Nr. 3

Eine gemeinsam mit dem VBB durchgeführte Umfrage mit Kommunen ergab, dass Bahnhofs- und Umfeldflächen benötigt werden um sie im Rahmen einer ganzheitlich Stadtentwicklung zu denken und für einen Bahnhof insgesamt mehr Potential zu generieren. Hierzu zähle zum Beispiel Flächen für Park und Ride zur Verfüdung stellen zu können.

Größere innerstädliche Flächen im Bahnhofsumfeld könnten zudem autoarme und zentrale Wohnquartiere als Lösung für den herrschenden Wohnungsdruck in Berlin und dem Berliner Umland hervorbringen. Mit dem Ministerium für Infratsruktur und Landesplanung soll dafür noch besprochen werden ob die Möglichkeit besteht einen Flächenpool zu bilden, der die Bahnflächen zentral managed und diese über Kommunen und andere Entwicklungsräger verteilt werden können. Im Koaltionsvertrag heißt es: „Durch strategische Flächenentwicklung entlang der Verkehrsachsen sollen vor allem nicht mehr benötigte Bahn- und Militärflächen erschlossen werden. Pendlerinnen und Pendler sollen stärker als heute mit der Bahn unterwegs sein können. Wohn- und Arbeitsorte sollen sich durch innovative Mobilitätskonzepte […] auszeichnen“.

Wie bekommt man die Pläne in die Umsetzung bzw. in die Praxis?

Mit der Online-Plattform „Zukunft Bahnhof“ https://zukunft-bahnhof.de/vertrieb/ wurde ein Format entwickelt, auf der gebündelt, wenig genutzte Bahnhofsgebäude vermarktet werden und kommunale Eigentümer nach Mietern suchen können.

Unter Einbindung der anwohnenden Bevölkerung, Unternehmern und Vereinen wurden zudem in Doberlug-Kirchhain gemeinsame Ideenwerkstätten für den dort existenten Bahnhof durchgeführt.

Wilhelm plädiert letztlich noch für eine Verbesserung bestehender Hürden: Zum einen sollte eine Strategie entwickelt werden um den Flächenerwerb zu erleichtern. Auch Prüfprozesse müssen beschleunigt werden (Private Nutzer und Deutsche Bahn). Er schlägt auch vor ein Rückkaufprogramm zu etablieren. Zusätzlich müssten Förderprogramme und die Beratung dazu besser verzahnt werden. Der Bauzustand einiger Bahnhofsgebäude sollte hinsichtlicher Sanierungskosten oder eines eventuellen Rückbaus evaluiert werden.

Sein Appell: "Jeder kann am Bahnhof aktiv und initiativ werden!"

Gerhard Probst | Biobahnhof Dresden-Klotzsche – Synergien und Partner für eine Sanierung ohne Zuschüsse

Gerhard Probst ist Vollblutunternehmer und Geschäftsführer von Probst & Consorten Marketing-Beratung sowie Eigentümer des historischen Bahnhofsgebäudes Klotzsche. Er berichtete über seinen Weg den Bahnhof in Dresden-Klotzsche sanieren zu können um anschließend einen Biomarkt*, sein mittlerweile elfter im Raum Dresden, einziehen zu lassen. Und das alles aus eigener Finanzierungskraft ohne Zuschüsse der öffentlichen Hand aber durch Synergien mit Partnern.

*Mehr über die Bio-Bahnhofswirtschaft „Vorwerk Podemus“ der Familie Probst

Das Gebäude schien schon längst dem Verfall hergegeben zu sein bis Familie Probst es kaufte und mit viel Hingabe sanierte. Er ist überzeugt: Ob man Leute bewegen kann, mit Bus und Bahn zu fahren, hat ganz viel mit der Gestaltung von Räumen zu tun“. Die Begeisterung für seine Vision einer Revitaliserung des Gebäudes ließen ihn nicht ruhen. Diese Motivation war wichtig, denn ein Spaziergang war die Sanierung des Bahnhofsensembles nicht. Mehrere böse Überraschungen warteten und verzögerten die Eröffnung. In Klotzsche ist es nun der erste Markt. 

220 S-Bahnen und 190 Busse fahren die Station täglich an. Für die Fahrer entsteht in dem alten Gebäudeteil ein Warteraum. Außerdem gibt es drei Gewerbeflächen. Dort ziehen eine Textilkünstlerin, ein Atelier sowie ein Spielzeugladen ein

„Die Station ist ein zentraler Hebel bei der Bindung und Gewinnung von Fahrgästen – wenn er nützliche Funktionen bietet“. In Probst Präsentation geht er dabei genauer auf die konkreten Anforderungen ein. Beginnend bei Kernleistungen um eine Basisattraktivität sicherstellen zu können bishin zur Integration in Reiseanlässe in Verbindung mit wirtschaftlichen Zielen um letztlich im Besten Fall mittelfristig auf ein ganzheitliches Verständnis städtebaulicher Integration erzeugen zu können.

Aufgrund der gesammelten Erfahrungen entwickelt Probst mittlerweile auch mit seinem Team von Probst & Consorten Vertriebs- und Tarifstrategien für einen größeren Nutzwert und wiederkehrende Kunden für öffentliche Verkehre und damit verbunden die Stationen.

Aus der Presse:

Bahnhof Bad Bentheim – Visitenkarte der Stadt und „Bahnhof des Jahres 2019“ | Ralf Uekermann, Projektleiter SPNV, Bentheimer Eisenbahn AG

Vom Spottobjekt zum Vorbild in Deutschland – diesen rasanten Wandel schaffte der Bad Bentheimer Bahnhof in wenigen Jahren. Die Jury der Allianz pro Schiene kürt ihn zum „Bahnhof des Jahres 2019“ und würdigt damit die kundenfreundliche Gestaltung des für die Region wichtigen Verkehrsknotens. Hier die Begründung der Jury:

„Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten ist der Bahnhof Bad Bentheim heute ein Ort, an dem sich Reisende und Pendler gleichermaßen wohl fühlen. Hier ist alles vorbereitet, um eine Zugfahrt angenehm und in schöner, freundlicher Atmosphäre beginnen oder enden zu lassen. Zu Recht bezeichnet die Bentheimer Eisenbahn AG als Eigentümerin des Gebäudes ihren Bahnhof als „Visitenkarte der Stadt“.

Die Jury würdigt […] das überzeugende Gesamtkonzept. Der Bahnhof präsentiert sich als Bahnhof aus einem Guss, bei dem das Große und Ganze genauso stimmt wie die Details. Hier passt zusammen, was einen Bahnhof auszeichnet und zu einem kundenfreundlichen und attraktiven Ort für die Menschen werden lässt.

  • Der Vorplatz bietet einen neuen, modernen Busbahnhof direkt an der Empfangshalle für die Zugreisenden. Ein großer Park&Ride-Parkplatz für Autos schließt sich an. Vorbildlich ist die Radstation, die sichere und zum Teil auch überdachte Stellplätze bietet.
  • Die Wartehalle empfängt die Bahnkunden als barrierefreier Raum, der mit den Serviceleistungen für eine hohe Aufenthaltsqualität sorgt.
  • Ein heller Sitzbereich mit komfortablen Bänken ermöglicht das Verweilen, auch ohne etwas verzehren zu müssen.
  • Eine Klima- und Heizungsanlage sorgt im Sommer und Winter für angenehme, milde Temperaturen im Inneren. Auch ans Detail ist gedacht, wie etwa der kostenlos nutzbare USB-Stecker zeigt.
  • Ein Bildschirm informiert in Echtzeit über die Abfahrtsmöglichkeiten mit Zügen oder auch den Bussen vor der Tür.
  • Wer sich einen Kaffee, ein Brötchen oder einen anderen Snack kaufen möchte, kann dies in dem modernen Anbau, dem Sista Bahnhofscafé, tun. Dort finden Reisende auch eine Auswahl an Zeitungen und sogar Bücher zum kostenlosen Tausch.
  • Das Service-Angebot wird im Bahnhof abgerundet durch ein Lufthansa City Center Reisebüro. Dort können Bahnreisende auch Fahrkarten erwerben.

Nicht zuletzt stehe der Bahnhof Bad Bentheim beispielhaft dafür, wie es mit dem Schienenverkehr in Deutschland wieder aufwärts gehe. Seit dem 7. Juli 2019 können die Menschen dank der Reaktivierung der Strecke Bad Bentheim – Nordhorn – Neuenhaus wieder in der gesamten Grafschaft Bentheim mit dem Zug fahren. Bereits seit einigen Jahren gibt es auch wieder grenzüberschreitende Regionalzüge nach Hengelo in den Niederlanden mit Tickets zum Niedersachsen-Tarif.

Wer den Bad Bentheimer Bahnhof auszeichnet, muss sich auch mit einem Vorfall der jüngeren Geschichte auseinandersetzen: 

Während des Bahnhofumbaus lagen die bereits modernisierten Bahnsteige deutlich höher als die Wartehalle. In dieser Übergangszeit ließ sich das Gebäude von den Gleisen her nicht mehr durch die Türen erreichen. Stattdessen war in dieser Umbauphase ein kurzer Umweg über den Eingang am Bahnhofsvorplatz möglich und vorgesehen. Für den direkten Weg hätte man durch ein Fenster klettern müssen. Dennoch spotteten die Medien in ganz Deutschland und bald sogar in China über die vermeintlich nötige Kletterpartie am Bahnhof Bad Bentheim. “Letzter Halt – Bad Doofheim“, titelte die Bild-Zeitung. Andere Medien sprachen von einer „Lachnummer“. Die Bad Bentheimer fühlten sich zwar zu Unrecht verspottet. Dennoch nahmen sie die Häme mit Humor. Sie stellen das berühmte Fenster in ihrer Wartehalle aus. Dort können Interessierte auch die bissigsten Zeitungskommentare nachlesen. Die Jury hat auch diese Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, beeindruckt.“

Den anschließenden Polit-Talk mit folgenden Gästen:

  • Sebastian Rüter, SPD,
  • Rainer Genilke, CDU Parlamentarischer Geschäftsführer;
  • Sebastian Walter, DIE LINKE, Fraktionsvorsitzender,

Experten ÖPNV/Best Practice:

  • Nils-Frico Weber, Amt für nachhaltige Entwicklung Strukturentwicklung Landkreis Barnim 
  • Gerhard Probst Geschäftsführer von Probst & Consorten
  • Ralf Uekermann, Projektleiter SPNV, Bentheimer Eisenbahn AG

Können Sie hier ansehen.

Autorin: Isabell Kudobe

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