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11.10.2021

Wie Tourismus und Naturschutz in der Spreeaue zusammenkommen

Cottbus Land Brandenburg Lausitzer Seenland Spreewald
Um der Spreeaue die Aufmerksamkeit, finanzielle Unterstützung und Entfaltungsmöglichkeit bei zeitgleichem Schutz zu geben, die sie verdient, hat in der Lausitz eine Gruppe junger Ehrenamtlicher die Arbeit aufgenommen.
Teiche Spreeaue, Foto: Albrecht Hanke, Lizenz: Amt Burg (Spreewald)
Spreeauenhof, Foto: Marlies Göhlert, Lizenz: Amt Burg (Spreewald)
Teufelsberg Spreeaue, Foto: Peter Becker, Lizenz: Amt Burg (Spreewald)

„Links sind Bäume, rechts sind Bäume. Und dazwischen Zwischenräume,“ heißt es in einem bekannten Kinderlied. Die Spreeaue im Süden Brandenburgs ist so ein Zwischenraum, verbindet sie doch den Spreewald mit dem künftigen Cottbuser Ostsee. Um ihr die Aufmerksamkeit, finanzielle Unterstützung und Entfaltungsmöglichkeit bei zeitgleichem Schutz zu geben, die sie verdient, hat in der Lausitz eine Gruppe junger Ehrenamtlicher die Arbeit aufgenommen.

Die Spreeaue nördlich von Cottbus ist ein Teil des Biotopverbunds Spreeaue, einem etwa 600 Hektar großen Naturschutzgebiet in der Lausitz. Die Renaturierung des Gebiets ist eine Ausgleichsmaßnahme der LEAG (damals Vattenfall) für die Lakomer Teiche, die im Zuge des Braunkohleabbaus für den Tagebau Cottbus-Nord 2007 abgebaggert wurden. Heute ist dieser Tagebau stillgelegt und mit der 2019 gestarteten Flutung dabei, zum Cottbuser Ostsee zu werden.*

Inzwischen ist die Spreeaue zur Heimat vieler Tier- und Pflanzenarten geworden. Erholungssuchende können das Gebiet auf Wander- und Wasserwegen erkunden. Und es werden ihrer stetig mehr: Radfahrer, Spaziergänger, Jogger und auch Paddler sind hier regelmäßig unterwegs. Seit einigen Jahren bietet der Verein Naturkundezentrum Spreeaue in Dissen geführte Wanderungen an. In eben diesem Verein hat sich nun eine neue Arbeitsgruppe Spreeaue gebildet. 6 Menschen im Alter von 22 bis 32  Jahren sind dazu aus den umliegenden Gemeinden der Spreeaue zusammengekommen.

Hier weiß man: Renaturierung abgeschlossen und den Rest übernimmt die Natur, funktioniert so nicht. „Da wir hier noch von keinem intakten Ökosystem reden können, sind weitere und fortwährende Eingriffe und Hilfestellungen des Menschen notwendig“, weiß Maximilian Hassatzky. Er ist der Sprecher der Arbeitsgruppe. Hinzu kommt, dass Prognosen zufolge der Besucherstrom in der Spreeaue zunehmen wird. Das liegt nicht zuletzt an der Lage der Spreeaue zwischen Spreewald und Cottbuser Ostsee, und damit zwei für den Tourismus bereits interessanten Räumen.

„Zunächst könnte man denken, dass sich Naturschutz und Tourismus ausschließen. Ich habe hier die Erfahrung gemacht, dass der Tourismus die Akzeptanz, etwas für den Naturschutz zu machen, steigert“, berichtet Hassatzky. Da die Besucher nun schon einmal da sind bzw. kommen werden, möchte die Arbeitsgruppe sie auch in die „richtigen Bahnen“ lenken. Und sehen dabei viele Synergien zwischen Naturschutz und Tourismus, die sich aus einer gezielten Lenkung der Touristenströme, eine Sensibilisierung und aktive Integration der Besucher in Naturschutzbelange ergibt.

Aus diesem Grund hat sich die Arbeitsgruppe mit der Gemeinde Dissen-Striesow  um Fördermittel für eine Projektkoordinationsstelle im Förderprogramm KoMoNa beworben. In lang bedeutet das: „Kommunale Modellvorhaben zur Umsetzung der ökologischen Nachhaltigkeitsziele in Strukturwandelregionen“. Es ist ein Förderprogramm des Bundesumweltministeriums und richtet sich an Kommunen und andere Akteure, wie etwa Hochschulen und Unternehmen, aus Regionen, die vom Kohleausstieg betroffen sind. Für alle Interessierten: Das aktuelle Bewerbungsverfahren dafür ist beendet, allerdings ist ein weiterer Förderaufruf in Planung. Nähere Informationen werden auf der Seite der ZUG gGmbH veröffentlicht.

Über das Förderprogramm soll ab Januar 2022 eine Vollzeitstelle finanziert werden, die die identifizierten Schwerpunkte des Konzeptes inhaltlich erarbeitet und deren Umsetzung vorantreibt. Dazu gehören Maßnahmen im Ökosystemschutz, aber auch in der räumlichen Nutzung der Spreeaue durch Menschen. Konkret sieht das Konzept vor, eine bessere Ausschilderung sowie Rastplätze an den Wanderwegen mit Aufladestationen für E-Bikes und Informationsmöglichkeiten zur Spreeaue und Umgebung zu schaffen. So sollen beispielsweise Radfahrer vom Cottbuser Ostsee oder aus dem Spreewald kommend nicht einfach nur auf dem Damm an der Spreeaue vorbei fahren, sondern diese aktiv wahrnehmen und auf den vorgesehenen Wegen erkunden.

Damit Paddler nicht weiterhin an beliebigen Stellen aussteigen und dabei die Uferbefestigung beschädigen, sind hier zentrale Ausstiegsmöglichkeiten entlang der Spree ggf. auch mit gastronomischen Angeboten angedacht. Deren umweltverträgliche Planung soll in enger Zusammenarbeit mit den Naturschutzbehörden erfolgen.

Ein weiterer, wichtiger Schwerpunkt ist das Thema Umweltbildung. Bislang wird das z.T. bereits durch das Naturkundezentrum Spreeaue e.V. abgedeckt. Aber die Arbeitsgruppe sieht hier noch viel Potential, vom „Grünen Klassenzimmer“ bis hin zu „Citizen Science-Projekten“. Das sind beispielsweise Apps wie die Flora Incognita App, mit der man schnell, einfach und sehr genau die wildwachsende Pflanzenwelt bestimmen kann. Die App wurde von der Technischen Universität Ilmenau und dem Max-Planck-Institut für Biogeochemie Jena entwickelt. Dahinter steckt die Erkenntnis: Wenn ich weiß, was um mich herum wächst und wozu es gut ist, bin ich auch eher bereit, meine Umwelt zu schützen. Außerdem können die Wissenschaftler*innen mit Hilfe der gesammelten Daten feststellen, wie sich die Entwicklung von Pflanzen verändert und Trends für die Zukunft vorhersagen. (Anmerkung: Die App macht großen Spaß und ist durchaus zu empfehlen.)

Auch die Arbeitsgruppe hält viel von Apps wie diesen. Zwei werden bereits auf Führungen vor Ort eingesetzt. Es ist die Kombination aus Spaß, Wissen und Unterstützung, in der auch Hassatzky deutlich sieht, wie Tourismus den Naturschutz fördern kann: „Wir werden nie genug Personal haben, um die Flora und Fauna der Spreeaue detailliert zu kartographieren oder invasive Arten** zu entfernen. Wir haben aber viele Besucher hier. Wir sind überzeugt, dass wir Produkte und Ideen entwickeln können, die beides verbinden können.“

Fred Kaiser, Bürgermeister der Gemeinde Dissen-Striesow, steht hinter dem Projekt und der Arbeitsgruppe. Das zeigt sich nicht nur in der Einstellung der Eigenleistungen im kommunalen Haushalt, sondern auch an dem Bestreben, die neu zu schaffende Stelle über die Dauer des Projekts entfristen zu wollen. Auch angrenzende Kommunen wie das Amt Burg, Amt Peitz und die Stadt Cottbus haben Interesse bekundet.

Zurück zum Kinderlied, in dem Elefanten die Zwischenräume nutzen, um sich nicht an Bäumen zu stoßen. Jeder Raum zählt eben. Und so schmiedet die Arbeitsgruppe an weiteren Ideen, die Naturschutz und Tourismus zusammenbringen. Dieses Mal geht es um einen Erlebnis-Holzpfad durch das Dissener Feuchtbiotop in der Spreeaue - mit digitaler Begleitung.

Wer sich mit der Arbeitsgruppe vernetzen und austauschen oder sie unterstützen möchte, schreibt einfach eine Mail an maximilian.hassatzky(at)gmail.com.

 

Wissenswertes:

*Um einmal die Dimension des Projektes Spreeaue aufzumachen: Von 2007 an wurden zehntausende Bäume und Gehölze gepflanzt. Knapp hunderttausende Amphibienlarven und Jungtiere, darunter auch die streng geschützten Rotbauchunken, wurden aus dem Teichgebiet Lakoma in die Spreeaue umgesiedelt. Heckrinder und Wasserrinder wurden zur Landschaftspflege angesiedelt. Riesige Erdmengen wurden bewegt, der begradigte Flusslauf in ein natürlich fließendes Gewässer mit Buchten und Inseln umstrukturiert. Aus einem, teilweise landwirtschaftlich stark beanspruchten Landstreifen ist die einst ursprüngliche Auenlandschaft mit einer typischen Vegetation und unterschiedlichsten Lebensräumen für Flora und Fauna aufgebaut worden. Viele Köpfe und Hände waren in dieses Brandenburg weit einmalige Projekt involviert.

**Invasive Arten sind insbesondere Pflanzen und Tiere aus fremden Ökosystem,die sich stark verbreiten und damit heimische Arten verdrängen

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Julia Thoms

TMB Tourismus Marketing Brandenburg GmbH, Projektmanagerin Cluster Tourismus

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